Handbuch 5. Auflage
Theoriekonstruktion und Positionen der Sozialen Arbeit 1765 sich Professionalität jenseits der klassischen Profes- sionalisierungsmerkmale, aber auch jenseits des Ex- pertenmodells begründen lässt (Müller 2005, 735). Der Entwurf von Hans-Uwe Otto und Bernd Dewe einer Reflexiven Sozialpädagogik konzentriert sich auf die Vermittlung der Wissensstrukturen mit den Strukturmerkmalen des professionellen Inter- aktionsprozesses. Zentrales Thema und damit Fo- kus einer Theorie Sozialer Arbeit ist die Analyse der objektiven Bedingungen und Folgen des Handelns von professionell Tätigen und die Frage, inwiefern die – notwendige – Professionalisierung der Sozia- len Arbeit sowohl politisch als auch wissenschaft- lich um- und durchgesetzt werden kann. Die re- flexionstheoretische Position von Dewe und Otto wird vor dem Hintergrund von wissenssoziologi- schen, ideologiekritischen und strukturtheoreti- schen Diskursen entfaltet. Soziale Arbeit wird zu- dem im Kontext der reflexiven Moderne verortet. Dewe und Otto konzentrieren sich gegenüber einer Analyse der Institutionen der Sozialen Arbeit auf die Analyse der logischen Struktur des professionellen Handelns selbst. Aus den unterschiedlichen Re levanzstrukturen von Wissensbeständen und so zialen Deutungsmustern ergeben sich strukturelle Schwierigkeiten und Besonderheiten, die eine Analyse der Merkmale und Differenzen von Wissenschaftswissen und Handlungswissen bzw. alltäglichem Wissen in den jeweiligen Feldern und Institutionen der Sozialen Arbeit erfordern (Dewe /Otto 1996, 106; Dewe /Otto 2005b). Hieraus resultiert auch eine veränderte Betrachtung des Theorie-Praxis-Problems. Wissenschaftliches Wissen lässt sich einerseits nicht unmittelbar in die Praxis der Sozialen Arbeit umsetzen, andererseits bewahrt die Anerkennung der Eigenrationalität der Wissensbestände vor der Überbetonung der professionellen wie auch der disziplinären Seite. Zentral für das professionelle Handeln ist die Fähigkeit zur diskursiven Auslegung von lebens- weltlichen Schwierigkeiten und Einzelfällen mit dem Ziel der Perspektiveneröffnung bzw. Ent scheidungsbegründung. Lebensbewältigungsfragen werden dabei nicht standardisiert, sondern im Blick auf den „jeweiligen Fall“ und den Subjekt- status der AdressatInnen bearbeitet und situativ und kontextualisiert bearbeitet (Dewe /Otto 2005a, 1403, 1413; Dewe /Otto 2005b). Im Anschluss an diese Überlegungen zielen wei- tere Arbeiten von Otto auf die Frage der Sozialen Arbeit als Dienstleistung als eine notwendige In- tensivierung der Frage der Professionalisierung. Otto zufolge ermöglicht das Konzept der Dienst- leistung die Überwindung einer organisationellen Rationalität, die dazu neigt, lebensweltliche Er- fahrungen und Deutungen unter rechtliche oder professionelle Vorgaben zu subsumieren. In den Vordergrund rücken stattdessen Formen der Be- dürfnis- und Interessenartikulation sowie Mög- lichkeiten der Partizipation (BMFSFJ 1994, 586). In diesem Kontext und aufgrund gesellschaftli- cher Veränderungen wird eine Flexibilisierung der Organisationsformen, gestützt durch die Qualifi- kation professionellen Handelns, unverzichtbar (BMFSFJ 1994, 583). Der Sozialen Arbeit liegt hier eine gesellschaftstheoretische Position zu- grunde, aufgrund derer sich Soziale Arbeit über das „Erziehungstheorem“ sowie über die „funk- tionale Selbstdefinition der Jugendhilfe“ (der So- zialen Arbeit) in den wohlfahrtsstaatlichen Rech- ten der jungen BürgerInnen und ihrer Familien verankert und als allgemeine Sozialisationsleis- tung für alle Kinder und Jugendliche verstanden wird (Flösser / Otto 1996, 187). Diese Überlegungen finden sich auch in ihrer Wei- terführung im Rahmen des Capability Approach als normativem Referenzrahmen sozialer Gerechtig- keit (Otto / Schrödter 2009, 181). Der Capability Approach zielt darauf ab, Gerechtigkeitsprinzipien, -normen und -theorien zu reformulieren und zu erweitern. Übersetzt als Befähigungs- oder Ver- wirklichungsgerechtigkeit geht es ihm darum, Res- sourcen und Befähigungen zu initiieren, die es den AdressatInnen Sozialer Arbeit ermöglichen, ihre Grundbedürfnisse und ihre in der Gesellschaft an- gebotenen Partizipationschancen wahrzunehmen. Insofern ermöglicht der Capability Approach eine akteursbezogene „gerechtigkeitstheoretisch infor- mierte Politik“ (Otto / Schrödter 2009, 185), die in der Lage ist, zwischen Individuum und Gesell- schaft zu vermitteln, und der Sozialen Arbeit Ori- entierungshinweise gibt, damit diese in die Lage versetzt wird, soziale Gerechtigkeit im Sinne der Gewährleistung von Verwirklichungschancen zu realisieren. Burkhard Müller weist in seinen Überlegungen zu Professionalität bzw. zum „sozialpädagogischen Können“ darauf hin, dass sich Soziale Arbeit nur gemeinsam mit ihrer Organisation professionali- sieren könne. Professionalität und Organisation
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