Handbuch 5. Auflage
Theoriekonstruktion und Positionen der Sozialen Arbeit 1767 Anschluss an die von wissenssoziologischen Über- legungen von Karl Mannheim von Theorie als ein kommunikativer und sozial rückgebundener Pro- zess, in dem Denkprozesse nicht im einsamen Voll- zug erfolgen, sondern der Einzelne immer schon in eine Vielfalt von Denkstilen und Situationsdeu- tungen eingebunden ist (Mannheim 1965). „Auch der vereinsamte Denker denkt nicht in Einfällen, sondern aus einer umfassenderen, sein Leben ir- gendwie beherrschenden Denkintention heraus.“ Diese ist „Teil einer […] kollektiven Denkinten- tion“ (Mannheim 1984, 68), dem sogenannten Denkstil . Denkstile sind dynamisch zu verstehen, historisch wandelbar, bewegen sich gegeneinander oder aufeinander zu und lassen sich partiell mit- einander verbinden (Mannheim 1984, 137, 227 f.). Insofern spiegeln sich eine zunehmende gesell- schaftliche Komplexität und Ausdifferenzierung auch in einer Vielfalt von Denkstilen und Denk- standorten oder in der Pluralisierung theoretischer Entwürfe. Denkstandorte lassen sich dagegen als „Knotenpunkte“ bezeichnen, an denen sich his- torisch betrachtet eine besonders wichtige Synthese unterschiedlicher Denkströmungen (d. h. von Denkstilen) bildet, „von denen aus also am besten, gleichsam wie von einer Bergspitze aus, die zu ih- nen führenden Wege erfassbar sind“ (Mannheim 1984, 138). Individuum und Gesellschaft – Alltag und Le- benswelt – Wohlfahrtsstaat und Dienstleis- tung – Bewahrung des Sozialen in der Mo- derne – Bildung und Lebensbewältigung – soziale Teilhabe und soziale Gerechtigkeit sind dabei die zentralen Fragen, um die sich die Theorien bewe- gen. Damit werden für die Disziplin wie auch für die Profession Sozialer Arbeit genuine themati- sche Orientierungen formuliert, die für den ge- genwärtigen Diskurs weiterzudenken sind. Ins- gesamt konkretisiert sich im Theoriediskurs Sozialer Arbeit zunehmend eine gesellschaftskriti- sche, emanzipative Soziale Arbeit, die Theorie auch als Kritik begreift und formuliert. Die immer auch kritische Frage im Blick auf den Stellenwert von unterschiedlichen Theorien um- reißt ein Zitat von Schleiermacher mit folgenden Worten: „So sehe ich den Kampfspielen philoso- phischer und theologischer Athleten ruhig zu, ohne mich für irgend einen zu erklären, oder meine Frei- heit zum Preis einer Wette für irgend einen zu set- zen, aber es kann nicht fehlen, daß ich nicht jedes- mal von beiden etwas lernen sollte“ (Schleiermacher 1985, 183). Literatur Baecker, D. (1994): Soziale Hilfe als Funktionssystem der Gesellschaft. Zeitschrift für Soziologie 23, 93–110 Bernfeld, S. (1925): Sisyphos und die Grenzen der Erzie- hung. Int. Psychoanalytischer Verlag, Leipzig /Wien / Zü- rich Böhnisch, L. (2005): Lebensbewältigung. In: Thole, W. (Hrsg.), 199–213 – (2004): Milieubildung als pädagogisches Konzept einer le- bensweltorientierten Milieubildung. In: Grunwald, K., Thiersch, H. (Hrsg.): Praxis lebensweltorientierter Sozialer Arbeit. Juventa, Weinheim, 435–441 – (1999): Sozialpädagogik und Sozialpolitik. In: Zeitschrift für Pädagogik. Beiheft, 262–276 – (1997): Sozialpädagogik der Lebensalter. Juventa, Wein- heim – (1994): Gespaltene Normalität. Juventa, Weinheim Bommes, M., Scherr, A. (1996): Soziale Arbeit als Hilfe zur Exklusionsvermeidung, Inklusionsvermittlung und/ oder Exklusionsverwaltung. In: Merten, R., Sommerfeld, P., Koditek, T. (Hrsg.): Sozialarbeitswissenschaft – Kontro- versen und Perspektiven. Luchterhand, Neuwied/Kriftel, 93–120 Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) (Hrsg.) (1994): Neunter Jugendbericht. Bonn Bundesministerium für Jugend, Familie, Frauen und Ge- sundheit (BMJFFG) (Hrsg.) (1990): Achter Jugendbericht. Bonn Dewe, B., Otto, H.-U. (2005a): Profession. In: Otto, H.-U., Thiersch, H. (Hrsg.), 1399–1423 –, – (2005b): Reflexive Sozialpädagogik. In:Thole, W. (Hrsg.), 179–198 –, – (2005c):Wissenschaftstheorie. In: Otto, H.-U.,Thiersch, H. (Hrsg.), 1966–1979 –, – (1996): Zugänge zur Sozialpädagogik: reflexive Wissen- schaftstheorie und kognitive Identität, Juventa, Weinheim Fatke, R., Hornstein, W. (1987): Sozialpädagogik – Entwick- lungen, Tendenzen und Probleme. Zeitschrift für Pädago- gik 33, 589–593 Flösser, G., Otto, H.-U. (1996): Professionelle Perspektiven der Sozialen Arbeit. In: Grunwald, K., Ortmann, F., Rau- schenbach, Th., Treptow, R. (Hrsg.): Alltag, Nichtalltägli- ches, und die Lebenswelt. Juventa, Weinheim, 179–188 Füssenhäuser, C. (2005): Lebensweltorientierung. In: Dollin- ger, B., Raithel, J. (Hrsg.): Aktivierende Sozialpädagogik. VS Verlag, Wiesbaden, 127–144
Made with FlippingBook
RkJQdWJsaXNoZXIy NjM0NTA=