Handbuch 5. Auflage

1772 Schneider · Heidenreich  Ausgehend von dieser Definition werden wir in den folgenden Darstellungen die jeweiligen theo- retischen Annahmen sowie darauf basierende thera- peutische Maßnahmen einzelner psychotherapeuti- scher Ansätze skizzieren. Angesichts einer kaum überschaubaren Zahl psychotherapeutischer An- sätze (Kriz 2007), beschränken wir uns in der fol- genden Zusammenfassung auf jene Psychothera- pieformen,dieaktuelldurchdenWissenschaftlichen Beirat Psychotherapie als wissenschaftlich fundiert anerkannt wurden. Die Psychotherapie mit Kin- dern und Jugendlichen erfolgt stets auf der Basis der skizzierten psychotherapeutischen Konzepte. Die konkreten Vorgehensweisen sind dabei jeweils an den Entwicklungsstand der Kinder und Jugend- lichen angepasst. Psychoanalyse – Tiefenpsychologisch fundierte Ansätze Eine kurze Zusammenfassung psychoanalytischer und tiefenpsychologisch fundierter Ansätze ist aufgrund der komplexen Entwicklung nicht mög- lich (dazu Dörr in diesem Handbuch). Ausgehend von den Arbeiten Sigmund Freuds Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte sich eine differen- zierte Theorie- und Behandlungslandschaft (Kriz 2007). Wesentliche Techniken sind die „freie As- soziation“ des Analysanden, die „gleichschwe- bende Aufmerksamkeit“ des Analytikers sowie die „Übertragung “, bei der der Analysand wesentliche Merkmale früher Beziehungen auf den Analytiker überträgt. Bis heute hat die psychoanalytische bzw. tiefenpsychologische Theoriebildung  – aus- gehend von Freuds Strukturmodell , der Differen- zierung der psychischen Instanzen Es , Ich und Über-Ich  – reichhaltige Entwicklungen erfahren (z. B. die Objektbeziehungstheorien). Die Wirk- samkeit dieser Ansätze wird zwischenzeitlich durch eine Vielzahl empirischer Arbeiten bestätigt (Wissenschaftlicher Beirat Psychotherapie 2008). Aktuelle Bezüge zur Praxis Sozialer Arbeit ergeben sich insbesondere im Rahmen der Erziehungs- beratung und deren traditioneller fachlicher Fun- dierung in tiefenpsychologischen Konzepten. Theoretische Verbindungen finden sich insbeson- dere in der analytisch akzentuierten Sozialpäda- gogik, in der jedoch nicht die Integration psycho- analytischer Behandlungskonzepte, sondern die Verbindung psychoanalytischer und gesellschafts- wissenschaftlicher Aspekte für eine sozialpädago- gische „Selbstauffassungsarbeit“ im Vordergrund steht (Müller 1995, 28). Personzentrierte (Klientenzentrierte) Psychotherapie Die im deutschen Sprachraum unter dem Begriff „Gesprächspsychotherapie“ bekannte Personzen- trierte Therapie wurde von Carl Rogers (1951) be- gründet. Dieser, einem humanistischen Menschenbild verpflichtete Ansatz, beinhaltet, dass Menschen ein starkes Potenzial zur Selbstentfaltung haben. Die Rolle des Therapeuten besteht demnach in erster Linie darin, diesen Prozess zu unterstützen, indem eine von Empathie, unbedingter positiver Wert- schätzung und Echtheit geprägte therapeutische Haltung eingenommen wird. Diese stellt aus der Sicht von Rogers nicht nur eine notwendige, son- dern eine hinreichende Bedingung für positive Ver- änderungen dar und realisiert sich in einem „non- direktiven“ Behandlungsstil : Der Therapeut ist bestrebt, dem Klienten keine Vorgaben zu machen, was die Richtung der Entwicklung angeht. Im Ge- gensatz dazu betonen moderne Weiterentwicklun- gen der Personzentrierten Therapie die Bedeutung einer reflektierten Zielorientierung, etwa in der „Zielorientierten Gesprächspsychotherapie“ (Sachse 1992). Die Wirksamkeit der Personzentrierten The- rapie wurde inMetaanalysen bestätigt (Elliott 2002). Bezüge zur Sozialen Arbeit ergeben sich vor allem im Hinblick auf die Bedeutung der therapeutischen Basisvariablen (Empathie, Wertschätzung, Echt- heit), die als grundlegende Orientierung zur Gestal- tung professioneller Beziehungen in der Sozialen Arbeit angesehen werden können. Anwendung und Weiterentwicklung erfuhr das Konzept auch im Kontext verschiedener Beratungs- und Gruppen- angebote sowie als Modell zur Lösung von erzieheri- schen Konflikten (Sander 1999, 89). (Kognitive) Verhaltenstherapie Die Verhaltenstherapie entwickelte sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts aus den psy- chologischen Lerntheorien. Das Anliegen von Autoren wie Watson und Skinner war es, gestörtes

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