Handbuch 5. Auflage
Therapie und Soziale Arbeit 1773 Verhalten als Resultat von Lernprozessen (in erster Linie klassische und operante Konditionierung) zu konzipieren (Margraf / Schneider 2009). Wäh- rend die Theoriebildung in einigen Bereichen zu einem besseren Verständnis problematischen Ver- haltens beitragen konnte, wurde im Laufe der 1970er Jahre zunehmend deutlich, dass neben elementaren Lernprozessen auch kognitive Varia- blen, wie die Selbstwirksamkeitserwartung be- rücksichtigt werden müssen (weshalb in der Regel heute von „kognitiver Verhaltenstherapie“ die Rede ist). Im Zentrum verhaltenstherapeutischer Diagnostik steht zunächst die Mikroanalyse pro- blematischer Verhaltenssequenzen, wobei der er- weiterte Verhaltensbegriff die motorische, kogni- tive, emotionale und physiologische Ebene umfasst (Heidenreich et al. 2009). Ziel dieser Ver- haltensanalyse ist das Verständnis darüber, wie die Störung aktuell aufrechterhalten wird (im Gegen- satz zum Verständnis, wie die Störung entstanden ist). Neben diesen sog. „horizontalen“ Verhaltens- analysen spielen in neueren Ansätzen sog. „ver- tikale“ Verhaltensanalysen, in deren Zentrum si- tuationsinvariante Verhaltensanteile stehen, eine herausragende Rolle. Die verhaltenstherapeuti- sche Behandlung konzentriert sich in der Regel auf einzelne Problembereiche und orientiert sich an einem Prozessmodell, das neben den – für die Verhaltenstherapie charakteristischen – problem- spezifischen Interventionen (Konfrontationsver- fahren, Entspannung und Training sozialer Kom- petenzen) auch die Ziel- und Wertklärung sowie den Aufbau einer stabilen therapeutischen Bezie- hung betont (Kanfer et al. 2000). Die Wirksam- keit der Verhaltenstherapie ist im Hinblick auf die Behandlung einer Vielzahl psychischer Störungen sehr gut abgesichert (Margraf / Schneider 2009). In der Sozialen Arbeit spielen verhaltenstherapeu- tische Ansätze bisher eine vergleichsweise geringe Rolle, auch wenn sie für bestimmte Verfahren und Trainings eine wichtige Grundlage darstellen (Margraf / Schneider 2009). Systemische Therapie Systemische Ansätze lassen sich auf eine Reihe unterschiedlicher TheoretikerInnen zurückführen (exemplarisch sei auf Virginia Satir und Paul Watzlawick in Palo Alto, Mara Selvini Palazzoli in Mailand, Helm Stierlin in Heidelberg verwiesen; Kriz 2007). Die einheitliche Grundannahme syste- mischer Ansätze liegt darin, dass im Zentrum der Analyse nicht Individuen stehen, sondern Systeme (z. B. Gruppen, Familien) und deren Interaktion bzw. Kommunikation. Ein unerwünschter und veränderungsbedürftiger Zustand wird nicht als isoliertes Problem eines einzelnen Menschen kon- zipiert, sondern als Resultat der Gesamtorganisa- tion des Systems. Demnach bezieht Systemische Therapie folgerichtig in der Regel mehrere Ange- hörige des Systems in die Behandlung mit ein. In der systemischen Diagnostik stehen Fragen zur Rea- lität (Was ist wirklich?), Kausalität (Was ver- ursacht was?) und Rekursivität (Wie erzeugen wir soziale Wirklichkeiten?) im Vordergrund, wobei sich der Fokus diagnostischer Hypothesen weg von offensichtlichen „Problemen“ hin auf die je- weiligen Beziehungs- und Interaktionsmuster der Beteiligten richtet (Schlippe / Schweitzer 2003). Um das Ziel systemischer Therapie, die Vergröße- rung des „Möglichkeitsraumes“ zu erreichen, wer- den verschiedene Methoden (Hypothesenbildung, zirkuläre Fragen, metaphorische Techniken, Ge- nogramme, Kommentare etc.) und Haltungen (Ressourcen- und Lösungsorientierung sowie All- parteilichkeit bzw. Neutralität) beschrieben (Rit- scher 2002). Die Wirksamkeit der systemischen Therapie kann mittlerweile ebenfalls als wissen- schaftlich abgesichert gelten (Retzlaff et al. 2009). Über vielfältige Weiterbildungsangebote haben systemische Annahmen und Methoden Eingang in zahlreiche Arbeitsfelder der Sozialen Arbeit ge- funden. So wird z. B. (systemische) Familienthe- rapie als eine Methode Sozialer Arbeit beschrie- ben, die als therapeutische Angebotsform breit rezipiert wurde, auch wenn Anpassungen an per- sonale und situative Erfordernisse sozialpädagogi- scher Interventionen noch geleistet werden müss- ten (Galuske 2007, 221). Für die Kinder- und Jugendhilfe (insbesondere den allgemeinen sozia- len Dienst) liefert Ritscher (2002) zahlreiche ent- sprechende Impulse.
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