Handbuch 5. Auflage

1774 Schneider · Heidenreich  Psychotherapie und Soziale Arbeit – exemplarische Differenzierungs- bzw. Profilierungsmöglichkeiten Die jeweiligen Ziele heilkundlicher Psychothera- pie liegen in der Regel primär in der Veränderung psychischer Leidenszustände und setzen Störun- gen mit Krankheitswert voraus. Im Gegensatz dazu – so wird bereits in einschlägigen Definitio- nen deutlich, die den folgenden Differenzierun- gen zu Grunde gelegt werden – ist das spezifische Profil Sozialer Arbeit durch Problemanalysen und Interventionen gekennzeichnet, die (trotz arbeits- feldspezifischer Schnittmengen) nicht auf be- handlungsbedürftige Leidenszustände fokussie- ren: „Lebensweltlich verstandene Hilfen zur Bewältigung als Kern der Sozialpädagogik und Sozialarbeit können nicht in ein enges personenzentriertes Korsett gefasst werden, sondern müssen als hilfegenerierendes Modell anerkannt werden, dessen Durchsetzung und Gestaltung nicht ohne eine sozialpolitische Entsprechung möglich ist.“ (Böh- nisch et al. 2005, 125) Neben einer sozialpolitischen, auf die Realisie- rung sozialer Gerechtigkeit zielenden Perspektive zeichnet sich beispielsweise eine Lebensweltorien- tierte Soziale Arbeit durch ein „erweitertes Profil“ aus, in welchem Unterstützungen in Überforde- rung und Ausgrenzung ebenso zu zentralen Auf- gaben erklärt werden wie Hilfestellungen in „ nor- malen Belastungen heutiger schwieriger Normalität“ (Thiersch 2002, 35). Sozialpädago- gische Unterstützungsformen enden daher nicht mit der „Symptomminimalisierung und / oder Strukturänderung der Persönlichkeit“ (s. o.) im Falle behandlungsbedürftiger Verhaltensstörun- gen. Der Realisierung von Prävention und sozialer Gerechtigkeit verpflichtet, setzt Soziale Arbeit Unterstützungsformen voraus, die auf eine Stabi- lisierung von Lebensverhältnissen (Formen der All- tagsbegleitung, Bildungs- und Betreuungsange- bote, Empowerment etc.) ebenso zielen wie auf die Schaffung einer belastbaren Infrastruktur (Ge- meinwesenarbeit, Milieubildung etc.). Handlungsprinzipien Sozialer Arbeit in Abgrenzung zu psychotherapeutischen Wirkfaktoren Die verschiedenen psychotherapeutischen Ansätze weisen trotz unterschiedlicher Theorien und Set- tings eine Reihe von Gemeinsamkeiten auf, die Klaus Grawe (2000) im Konzept einer Allgemei- nen Psychotherapie in vier grundlegende Wir- kungsmechanismen zusammenfasst und damit auch das klassische Denken in Schulen relativiert. Die von ihm formulierten Wirkfaktoren – motiva- tionale Klärung, Ressourcenaktivierung, Problem- aktualisierung, Problembewältigung – bieten einen Ausgangspunkt für Kontrastierungen mit den ge- nannten, grundlegenden Interventionsprinzipien Sozialer Arbeit (s. o.) und ermöglichen Aussagen bezüglich professioneller Akzentuierungen auf der Handlungsebene: Der Faktor 1. „(motivationale) Klärung“ umfasst Be- mühungen, Klienten zu einem besseren Verständnis („Einsicht“) in eigene Ziele, Werte und Motive zu verhelfen, wobei die Explikation impliziter Bedeu- tungen von individuellem Erleben und Verhalten im Vordergrund steht. Trotz einer allen Hilfeprozessen vorausgehenden notwendigen Problemklärung un- terscheiden sich (klärungsorientierte) Therapie und Soziale Arbeit in diesem Punkt grundlegend: ImVor- dergrund Sozialer Arbeit steht nicht das (intrapsy- chische) Verstehen eigener Motivlagen. Stattdessen wird den subjektiven Erklärungen und Alltagstheo- rien der Adressaten als Ausgangspunkt weiterer Hilfen eine weitaus größere Bedeutung als in psy- chotherapeutischen Ansätzen zugesprochen. In so- zialpädagogischen, auch therapienahen Konzepten wie bspw. dem Konzept der stellvertretenden Deu- tung (Dewe/Scherr 1991) wird darüber hinaus ge- fordert, bei der Rekonstruktion von Bewältigungs- problemen das „sozial Typische“ am individuell erfahrenen Problem, allgemeiner formuliert, mögli- che Zusammenhänge zur Lebenslage sowie zu ge- sellschaftlich bedingten Ungleichheitskonstellatio- nen zu explizieren – neben der Rekonstruktion individueller Bewertungen hat Soziale Arbeit auch „Zustände zu analysieren“ (Hamburger 2003, 13). In psychotherapeutischen Konzepten bezeichnet 2. Ressourcenaktivierung eine Haltung, die nicht primär Probleme fokussiert, sondern die die För- derung positiver Aspekte des Patienten unabhängig

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