Handbuch 5. Auflage
Therapie und Soziale Arbeit 1775 von bestehenden Leidenszuständen aktivieren möchte. Zu aktivierende Ressourcen werden ins- besondere in den „mitgebrachten“ Beziehungen, vor allem aber in der „neuen“ Beziehung zum Psy- chotherapeuten gesehen (Grawe 2000). Ressour- cenaktivierung im Rahmen Sozialer Arbeit geht über die Aktivierung dieser persönlichen Ressourcen hi- naus: Im individuellen Kontakt werden sozial rechtliche und infrastrukturelle Hilfen vermittelt, unterstützende Vernetzungen (auch zu zivilgesell- schaftlichen Initiativen) im Sozialraum angestrebt. Unabhängig vom Einzelfall stellt die kontinuierliche Weiterentwicklung sozialer Infrastruktur, im Zeichen von Prävention und sozialer Gerechtigkeit, eine Auf- gabe sozialpädagogischer Ressourcenaktivierung dar, die ihren Ausdruck auch in der zunehmenden Bedeutung von institutionalisierten Planungspro- zessen findet (z.B. Jugendhilfeplanung). Problemaktualisierung 3. bezeichnet das therapeuti- sche Prinzip, Probleme in der Therapie erlebbar zu machen und damit eine Voraussetzung für bedeut- same korrigierende Erfahrungen zu schaffen. Das bekannteste Beispiel für einen Ansatz der Pro- blemaktualisierung stellt die verhaltenstherapeuti- sche Konfrontationsbehandlung (vor allem bei Angststörungen) dar, bei der Patienten gezielt dazu angehalten werden, angstauslösende Situa- tionen aufzusuchen. Problemaktualisierungen sind in der Sozialen Arbeit aus zweierlei Gründen weni- ger relevant: Zum einen ist davon auszugehen, dass im Kontext niedrigschwelliger alltäglicher Hil- fen, in denen Fachkräfte im konkreten Alltags- geschehen agieren, Konflikte und Schwierigkeiten real erlebt und vor diesem Hintergrund Verände- rungsmöglichkeiten ausgehandelt werden (z.B. in Betreuungen, Wohngemeinschaften, Familienhilfe, Streetwork etc.). Zum anderen wird Soziale Arbeit im Zeichen von Prävention auch dann tätig, wenn nicht primär korrigierende, vielmehr ressourcenori- entierte Maßnahmen sowie Stabilisierungen belas- teter Lebensverhältnisse im Vordergrund stehen (etwas weiter gefasst könnte man den Auftrag der politischen Einmischung als Aufforderung zur Pro- blemaktualisierung auf Seiten der Politik und Öf- fentlichkeit betrachten). Der vierte und letzte Wirkfaktor, die sog. 4. Pro- blembewältigung bezeichnet konkrete Handlun- gen zur Veränderung eines (unerwünschten) Ist- Zustandes in Richtung eines (erwünschten) Soll-Zustandes nach festgelegten Verfahren. Pro- blembewältigung geschieht im Rahmen Sozialer Arbeit immer partizipativ und stößt damit an Grenzen der Operationalisierbarkeit. Im Kontext des Bewältigungsparadigmas begründet Böh- nisch, auch abweichende Verhaltensweisen als Bewältigungsversuche zu verstehen und davon ausgehend mit den Adressaten individuell nach gelingenderen Bewältigungsmöglichkeiten zu su- chen. Dabei werden neben der Wiedergewinnung von Selbstwert und Normalität (Aspekte, die un- ter anderen Begriffen auch in der Psychotherapie zentral sind), vor allem die Stärkung sozialen Rückhalts, lebensweltlicher Orientierung sowie die jenseits von Therapie liegenden Strategien von Empowerment, Vernetzungen mit zivilgesell- schaftlichen Initiativen und Milieubezug betont (Böhnisch 2008). Ausgehend von diesen – für Psychotherapie aber auch Soziale Arbeit – grundlegenden Wirkfaktoren wird konkretisierbar, inwiefern, bildlich gespro- chen, Psychotherapie dort in die Tiefe geht, wo sich Soziale Arbeit einer breiteren Perspektive ver- pflichtet hat. Die Chancen dieses offeneren – auf Personen, Situa- tionen und Strukturen bezogenen – Profils bringen im Gegenzug spezifische Grenzen mit sich, die im Vergleich zu psychotherapeutischen Konzepten ins- besondere in einer geringeren Spezialisierung sozial- pädagogischer Interventionen auf bestimmte Pro- blemstellungen zu sehen sind. Sozialpädagogische Hilfen als „Türöffner“ zu und Ergänzung von Psychotherapie Aktuelle epidemiologische Studien legen nahe, dass krankheitswertige bzw. behandlungsbedürftige psychische Störungen in der Allgemeinbevölkerung weit verbreitet sind (Wittchen / Jacobi 2005), häu- fig jedoch nicht erkannt werden. Die verbreiteten alltagsnahen und niedrigschwelligen Angebotsfor- men wie Beratung, aufsuchende Hilfen auch im Kontext Allgemeiner Sozialer Dienste etc. ermögli- chen, dass SozialpädagogInnen mit Personen in Kontakt kommen, die unter psychischen Belastun- gen leiden, für deren Bewältigung spezialisierte psychotherapeutische Behandlungsangebote hilf- reich sein können (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 2009).
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