Handbuch 5. Auflage

1776 Schneider · Heidenreich  Den Fachkräften kommt dabei insofern eine „Tür- öffnerfunktion“ zu, als sie die jeweiligen Menschen über psychotherapeutische Angebote und entspre- chende Zugänge informieren, zur Inanspruchnahme motivieren sowie an entsprechende Stellen verweisen können. „Türen öffnen“ und vermitteln erfordert, mit den jeweiligen Menschen zu klären, auf welche Form der Hilfe sie sich einlassen wollen, sowie zu klären, ob die Voraussetzungen gegeben sind, sich auf stark formalisierte, hohe Sprachverarbeitungs- fähigkeiten voraussetzende Therapien einlassen zu können. In Anlehnung an die benannten Wirkfak- toren können SozialpädagogInnen prüfen, ob die jeweiligen Ratsuchenden Unterstützungen bei Klä- rungs-, Aktualisierungs- und aktiven Bewältigungs- prozessen suchen oder ob es um Prozesse der Stabili- sierung und Begleitung geht, die außerhalb von Psychotherapie zu leisten sind. Darin liegen dann wiederum spezifische Chancen Sozialer Arbeit, die verschiedene Hilfen parallel, ergänzend sowie zum Abschluss von psychotherapeutischen Prozessen an- bietet und damit Unterstützungen auch zum Trans- fer veränderter Deutungs- und Handlungsmuster realisieren kann. In diesem Zusammenhang kommt sozialpädagogischen Beratungsangeboten eine nicht unwesentliche Rolle zu. Im Gegensatz zur verkürzenden Annahme, dass Beratung eine Art „kleine Therapie“ sei (Engel et al. 2004, 36; sowie Nestmann in diesem Hand- buch), handelt es sich bei sozialpädagogischer Be- ratung um ein Angebot, das in der Verbindung von subjekt- und strukturbezogenen (Problem-)Analysen und Veränderungsprozessen ein eigenständiges Profil ausgebildet hat (Schneider 2006, 348). Kooperative Fachlichkeit –  Herausforderungen für Soziale Arbeit und Psychotherapie Abschließend möchten wir zentrale Herausforde- rungen, die sich aus den Beschreibungen von The- rapie und Sozialer Arbeit ergeben, thesenhaft for- mulieren: In einer ausdifferenzierten Dienstleistungslandschaft 1. gilt es, produktive Kooperationen statt Vermischun- gen von Sozialer Arbeit und Therapie anzustreben: Aus unserer Sicht stellen die unterschiedlichen sozi- alpädagogischen bzw. psychotherapeutischen An- gebote jeweils spezifische Handlungsformen dar, die je nach Kontext ergänzend oder alternativ hilfreich sein können. Ein für die NutzerInnen optimales An- gebot wird demnach davon abhängen, inwiefern es gelingt, für die jeweilige Problemlage die jeweils notwendige Hilfe zu initiieren. Kooperative Vermitt- lungen setzen fundierte Kenntnisse zur jeweils an- deren Profession bzw. den jeweiligen Indikationen auf beiden Seiten voraus. Diese notwendigen aber nicht hinreichenden Bedingungen entfalten ihre Wirkungen nur dann, wenn das Verhältnis der Pro- fessionellen im Bereich Sozialer Arbeit bzw. Psy- chotherapie auf gegenseitiger Anerkennung der je- weils anderen professionellen Zugänge basiert. Eine „Therapeutisierung“ Sozialer Arbeit (ins- besondere über methodische Vermischungen und Umetikettierungen) zum Zwecke eines fragwürdi- gen Prestigezuwachses ist abzulehnen, weil da- durch die spezifischen Chancen Sozialer Arbeit erst recht verdeckt werden. Vielmehr gilt es, in jenen Arbeitsfeldern, in welchen psychotherapeutische Kenntnisse und Verfahren von Nutzen sind, sich für interdisziplinäre Teams bzw. integrierte Versor- gungsstrukturen einzusetzen. Therapeutische Verfahren können nicht einfach in 2. die Soziale Arbeit übernommen werden, sondern müssen adaptiert werden: Auch wenn einzelne therapeutische Elemente in verschiedene sozialpäd­ agogische Methoden integriert wurden und hilf- reich geworden sind, gilt es, den „paradoxen Be- fund“ einer weitergehenden Therapeutisierung Sozialer Arbeit zu bedenken: „Die Überschaubar- keit, Geschlossenheit und ‚technische‘ Qualität von therapeutischen Ansätzen ist ein Effekt ihrer Re- duktion von alltäglicher Komplexität. Gerade diese Komplexität aber ist der Bezugspunkt sozialpäd­ agogischer Interventionen“ (Galuske 2007, 140). Für die beschriebenen Ansätze ließe sich dies folgen- dermaßen konkretisieren: Eine durch das Wissen um Übertragungs- und Gegenübertragungspro- zesse informierte Gestaltung der professionellen Beziehung ist sicherlich effektiver als eine diese Perspektive ausblendende Sicht – dennoch dürfte klar sein, dass die gezielte Arbeit mit diesen Pro- zessen (z.B. die Aufklärung von Gegenübertragun- gen) eher einer Reduktion denn einer Bezugnahme auf alltägliche Komplexität entsprechen würde. Analog dürfte es für Beratungsprozesse sinnvoll sein, eine konfrontationsorientierte Haltung gegen­ über Ängsten von KlientInnen einzunehmen – we-

RkJQdWJsaXNoZXIy NjM0NTA=