Handbuch 5. Auflage

Tiere und Soziale Arbeit 1781 Buch- und Medienmarkt zum Thema. In Eltern- ratgebern gehört das Haustierthema zu einer festen Größe. Aus der Sozialen Arbeit heraus werden bis- lang jedoch kaum eigene Impulse gesetzt. Wenn Soziale Arbeit den Stellenwert von Tieren für ihr Arbeitsfeld diskutiert, greift sie vorwiegend auf die o. g. genannten Diskurse zurück. So besehen sind die entsprechenden Ansätze „geliehene“. Relativ gut entwickelt zeigt sich das Tierthema zudem auch in den sozialhistorischen und kul­ turanthropologischen Wissenschaftszweigen. Die Mensch-Tier-Beziehung wird dort als Ausdruck spezifischer sozialer Ordnungskonstellationen in den Blick genommen. Die Untersuchungen der Formen und historischenWandlungen derMensch- Tier-Beziehung dienen dazu, Vorgänge gesell- schaftlicher Ausdifferenzierung, Zivilisierung, Ein- und Ausgrenzung zu rekonstruieren (Buchner 1996; Dekkers 1994; Hessische Blätter für Volks- und Kulturforschung 1991; Kathan 2004; Stiftung Deutsches Hygiene-Museum Dresden 2002; Münch /Walz 1998). Diese Fachdiskurse werden jedoch weitaus weniger als die therapeutischen von der Sozialen Arbeit „beliehen“. Welche Tiere sind im fachlichen Fokus? In der Praxis tiergestützter Interventionen finden nur solche Tierarten Einsatz, deren Interspezies- kommunikation besonders ausgeprägt ist und die von daher leicht auf den Menschen als Sozialpart- ner geprägt werden können oder die selbst Men- schen gegenüber Kontaktbedürfnisse entwickeln. Eine herausragende Stellung nimmt das Pferd ein. Hier sind nicht nur die Publikationen am umfang- reichsten (Gäng 1994; Kupper-Heilmann 1999), sondern auch die Professionalisierungen des thera- peutischen Pferdeinsatzes am stärksten formalisiert. Auch in der kultur- und sozialwissenschaftlichen Literatur erfährt das Pferd am meisten Aufmerk- samkeit (Baum 1991; Meyer 1975). Die Prominenz des Pferdes ist zum einen sicherlich auf seinen sozi- alhistorischen Symbolgehalt von Macht und Ex- klusivität zurückzuführen, zum anderen hängt sie pragmatisch mit seiner Besonderheit als Tragetier zusammen. Die beim Reiten auf den menschlichen Körper übertragenen Bewegungsimpulse des Tieres sorgen für eine spezifische psychomotorische För- derung bei Patienten. Gleichzeitig erlaubt das Ge- tragenwerden auf dem Tier elementare regressive Erfahrungen. Einer hohen Beliebtheit erfreut sich zudem auch der Hund. Auch hier sind die Professionalisierun- gen relativ weit fortgeschritten. Institute bieten Therapiesitzungen mit Hunden und Hunde- besuchsdienste wie auch entsprechende Hundeaus- bildungen und Hundeführerausbildungen an, for- mulieren Merkmalkriterien für einsatzfähige Hunderassen. Darüber hinaus sind Lamas in der Praxis zu finden, wenn auch bislang selten. Formale Regelungen zur Anerkennung der Lamatherapie liegen noch nicht vor. Für die größte Furore sorgt die Delfintherapie, die Ende der 1970er Jahre in den USA entwickelt wurde. Während bei den anderen Therapie-Tieren bisher allgemeiner Konsens zu ihrer Nützlichkeit be- steht, wird die Delfintherapie kontrovers diskutiert. Kritisiert werden nicht nur die hohen Kosten und kommerziellen Profite der Anbieter. Bezweifelt wird auch die nachhaltige Wirksamkeit dieser Therapie (Brake/Williamson 2008). Zentrale Akteure der Kritik sind der Wal- und Delfinschutz. Im praktischen Einsatz sind darüber hinaus häus- liche Kleintiere wie Katzen, Vögel, Meerschwein- chen, Kaninchen und Zierfische. Aufgrund ihrer geringer ausgeprägten Interspezieskommunika- tion werden sie jedoch nicht in therapeutischen Behandlungen genutzt, sondern dienen der Her- stellung eines allgemeinen therapeutischen Mi- lieus. Idealisierungen im Diskurs zur tiergestützten Intervention In den Texten zur tiergestützten Intervention fällt ein stark idealisierender und romantisierender Tenor auf. Zur Plausibilisierung der positiven Wirkungen des Tieres werden emotional anrührende Fall- geschichten und persönliche Erfahrungsgeschichten geliefert, die dem literarisch-biblischen Format von „Wunder- und Erlösungsgeschichten“ ähneln. Sie illustrieren, wie die Nähe eines Tieres Menschen öffnet, entspannt, stabilisiert, kontaktfähig macht und ans Leben anschließt. Neben diesen anekdoti- schen Beweisführungen finden sich auch Verweise auf Befunde wissenschaftlicher Wirkungsforschung, die fast ausschließlich aus den anglo-amerikanischen

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