Handbuch 5. Auflage

1782 Rose  Ländern stammt. Bei Greiffenhagen, einer profilier- ten Fachvertreterin heißt es: Tiere senken „den Blutdruck des menschlichen Partners und stabilisie- ren – empirisch hundertfach glasklar bewiesen – seinen Kreislauf; sie bringen Zärtlichkeit und Sinnlichkeit in den Alltag, dienen als ‚soziales Gleitmittel bei der Kontakt- suche zu anderen Menschen‘ […], lehren Empathie und nonverbale Kommunikationsfähigkeit, reizen zum Lächeln und Lachen und sorgen auf diese Weise bei Tierhaltern mehrfach am Tag für die Ausschüttung körpereigener Glückshormone“ (Greiffenhagen 2003, 23). Ähnliche „Erfolgslisten“ finden sich zahlreich auch in anderen Texten. Damit verdichtet sich das Bild von sensationellen Gesundungseffekten des Tier- kontaktes auf körperlicher, seelischer und sozialer Ebene. Das Thema wird aufgeladen mit enormen Heilsversprechen – wie diesen: „In gewissem Sinne sindTiere sogar bessereTherapeuten als Menschen“ (Kusztrich 1990, 393). Die Texte arbeiten fast durchgängig mit einfachen salutogenetischen Zusammenhängen: Im Kon- takt mit dem Tier werden heilende Kräfte freige- setzt, wird der leidende Mensch gesund. Kom- plexe Lebenszusammenhänge werden damit auf eindimensionale psychosoziale Prozessmechanis- men reduziert. Kritische Kontroversen, Differen- zierungen und empirische Evaluationsforschung fehlen. Die Auswertung von 150 Studien zur tier- gestützten Therapie in der Jugendpsychiatrie zeigte, dass die meisten Publikationen Falldarstel- lungen beschreibender Art sind und die wenigen Untersuchungen, die es gibt, methodische Män- gel haben und in ihren Ergebnissen widersprüch- lich sind (Jacki / Klosinski 1999). Die Idealisierungen im Diskurs der tiergestützten Therapie sind eng verkoppelt mit Tendenzen kul- turpessimistisch-nostalgischer Verklärung und Irra- tionalisierung. Vergangenes Miteinanderleben von Menschen und Tieren wird zum Sinnbild einer wünschenswerten idealen Einheit. Es ist zudem die Rede von einer „geheimnisvollen, wohltuenden Kraft“ (Kusztrich 1990, 392) der Tiere auf Men- schen. Immer wieder heißt es, dass die heilsamen Wirkungen der Tiere auf Menschen zwar beobacht- bar, nicht aber rational erklärbar sind und sich von daher dem vollständigen wissenschaftlichen Zu- griff entziehen. Auch die bei vielen AutorInnen vorfindbare theoretische Bezugnahme auf das Kon- zept der Biophilie – der Annahme einer dem Men- schen inhärenten, stammesgeschichtlich begründe- ten Affinität zur Natur und ihren Lebewesen – hat stellenweise naturalisierende und esoterisch-mythi- sche Züge. Die therapeutischen Wirkungen des Tieres Die Literatur hebt folgende Aspekte des Tieres für die Begründung seiner therapeutischen Nützlichkeit hervor (Bergler 1994; Greiffenhagen 1991; Ol- brich/Otterstedt 2003; Otterstedt 2001): Du-Evidenz: ■ ■ Mit der Du-Evidenz in der mensch- lichen Tierbeziehung wird das Phänomen bezeich- net, dass Menschen im Tier etwas „Sich-selbst- Gleiches“ erkennen. Sie stellt sich bei jenen Tieren besonders leicht ein, die über eine ausgeprägte In- terspezieskommunikation verfügen. Das Tier wird im Zuge dessen zum Partner und Liebesobjekt, er- laubt Projektionen. Es wird vermenschlicht. Gleich- zeitig sorgt seine reale Tierhaftigkeit dafür, dass es ein Beziehungsobjekt mit nicht- oder vormensch- lichen Qualitäten bleibt, was wiederum Interaktio- nen vereinfacht. Vorbehaltlosigkeit des Tieres: ■ ■ Während das kompli- zierte menschliche Ordnungsgeflecht Kontakthin- dernisse, Ängste und kaum überbrückbare Distan- zen zwischen Menschen aufbaut, begegnet das Tier den Menschen offen und relativ vorrausset- zungslos. Weil es keine sozialen Unterschiede kennt und macht, nähert es sich auch solchen Menschen völlig vorbehaltlos, die in der „Men- schenwelt“ stigmatisiert sind. Dies wird vor allem als Gewinn für die Behindertenhilfe, Altenhilfe und Arbeit mit verwahrlosten Gruppen beschrieben. „Sozialer Türöffner“: ■ ■ Die Anwesenheit eines Tieres erleichtert als „Katalysator“ die Kontaktaufnahme und Interaktion zwischen Menschen. Es bietet sich als unverfänglicher Gesprächsanlass, als verbin- dendes Thema an. Dies erweist sich nicht nur im Alltag als Vorteil, sondern auch in der professionel- len Beziehung. Über das Tier als „Drittes“ können Fachkräfte leichter Nähe zu Klientinnen und Klien- ten herstellen. Sinnlichkeit: ■ ■ Im Kontakt mit dem Tier sind körper- lich-sinnliche Berührungen in einer Art und Weise möglich, wie sie der zivilisierte Sittenkodex mit

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