Handbuch 5. Auflage
1788 Colla Musik. In den fiktiven Gattungen der Medienkul- tur (z. B. Kriminalromane) ist der Tod präsent, in den Fernsehprogrammen ist Tod und Sterben zu Material der Unterhaltung geworden. Im Alter von 16 Jahren kann ein US-Jugendlicher durchschnitt- lich bereits 18.000 Morde im Fernsehen gesehen haben. Aufgrund der Medienerfahrungen besteht bei gleichzeitigem Verlust von Realerfahrungen im Nahbereich die Gefahr, dass junge Menschen den gewaltsamen Tod als „normal“ und „häufig auftre- tend“ einstufen. „Das durchschnittliche graue Ster- ben“ in Institutionen ist dagegen in den Medien weniger präsent (Feldmann 2004). Die Kirchen, als institutionalisierte Sozialform der Religion, haben ihr Deutungsmonopol für die Be- stimmung des Unbestimmten verloren. Verzichtet wird oft auf das überkommende „memento mori“ der traditionellen christlichen Religiosität und sei- ner rituellen Vergegenwärtigung der Erlösertat, die den Tod durch Auferstehung relativiert (Knob- lauch / Zingerle 2005). In der Populärkultur, der Ratgeberliteratur, ist dagegen das Religiöse höchst präsent und bietet religiöser Sinnstiftung ein brei- tes Forum zur Überwindung von Orientierungs- losigkeit, Unsicherheit oder Ängsten an. Ende der 1970er Jahre entsteht mit der Thanatolo- gie ein neuer interdisziplinärer anthropologischer Wissenschaftszweig, der den Tod und das Sterben des Menschen untersucht. In diesem Zusammen- hang hat sich auch die „Death education“ als schil- lernder Begriff im englischen Sprachraum etabliert. Adressaten in den Curricula an allgemeinbildenden Schulen und Hochschulen sind einmal Schüler und deren Eltern, aber auch Lehrer und Sozialpäd agogen, Mediziner und Geistliche. Fragen nach der Einstellung und möglichen Einstellungsänderun- gen zu Tod und Sterben, den Todesängsten, aber auch Themen wie Suizid, Risikoverhalten und Drogenmissbrauch, Trauer und soziale, familiäre und psychosoziale Aspekte des Sterbens werden erörtert. Ein weiterer Schwerpunkt sind die Fragen des Umgangs mit älteren oder unheilbar erkrank- ten Patienten (Krebs, HIV). Die Kurse verfolgen entweder den kognitiven Aspekt, indem sie Wissen vermitteln, oder akzentuieren den affektiven As- pekt, indem sie erfahrungsbezogene Thematiken aufgreifen, die Betroffenheit und Werthaltung der Teilnehmer analysieren und bewusst machen, Möglichkeiten aufzeigen, mit eigenen Verunsiche- rungen und Ängsten gekonnter umzugehen. Medi- zinische Probleme, insbesondere des Euthanasie- problems (Sterbebegleitung versus Sterbehilfe) sind ebenfalls Gegenstand der „Death Education“. Pro- pagiert wird die „Death Education“ als eine der Artes liberales unserer Zeit. Die Frage nach der dauerhaften Wirkung dieser Unterweisungen ist derzeit noch weitgehend offen. Die „Association for Death Education and Counselling“ an der Yale University und das ERICS (Education Ressources Information Center) publizieren in ihren Zeit- schriften „Death Studies“ und „Omega“ überwie- gend empirische Studien zu ausgewählten Themen von „Death Education“. „Death Education“ kann auch als Bearbeitungsver- such einer Furcht vor dem Tod verstanden werden. Furcht vor dem unvermeidlichen Tod verweist auf eine damit zusammenhängende Angst: die Angst vor dem Leben. Der Tod deutet einmal auf das Ende einer individuellen Existenz, er symbolisiert auch die Angst vor dem Ende von Individualität und der darauf gegründeten Ich-Identität. Den vielfältigen Bemühungen, den Tod zu beherrschen, ist gemein, dass sich das Individuum ein Sterben in geistiger Klarheit, imWissen vom bevorstehenden Ende und in Selbstbeherrschung einen sanften, schnellen und guten Tod wünscht. Ariès (1999) spricht vom „do- mestizierten Tod“. Es gab und gibt ihn gewiss, den schönen, den gutenTod, aber ihn für eine allgemein- gültige Tatsache zu halten, zeugt weniger von realis- tischem Scharfblick als von der Sehnsucht nach früheren Zeiten. „Der domestizierte Tod […] ist kein historisch vorfindbares Modell, sondern in mystischer Zeit angesiedeltes Ideal“ (Chamboredon 1976). Dieser Diskurs über den Tod ist eher als Aus- drucksform sozialer Sehnsüchte und Utopien zu deuten. Das dem Tod vorangehende Sterben ist ver- bunden mit dem Übel, dem Leiden des Individu- ums, Krankheiten sowie Schmerzen und Unglück. In der Art und Weise des Sterbens drücken sich die individuellen Ziele, Pläne und Erwartungen des bisherigen Lebens aus. Die meisten Studien zur Ein- stellung zu Sterben und Tod sind allerdings atheore- tisch und rein deskriptiv, indem unterschiedliche demographische Variablen, z.B. sozialer Status, Ge- schlecht, Ethnie, Religion, Bildung, mit Persönlich- keitsvariablen wie Extraversion und Depressivität mit einem Angstmaß korreliert werden. Sie arbeiten mit sehr kleinen Stichproben aus unterschiedlichen, recht homogenen Populationen. Im internationalen Vergleich der Thanatologie erscheint das chronische
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