Handbuch 5. Auflage
Tod und Hospizarbeit 1789 Alter als einzige signifikante Variable: Im hohen Al- ter findet man weniger Angst vor dem Tod als im mittleren Alter (Wittkowski 1990). Es gibt die Kategorie des bösen Todes, dazu soll auch der (unfreiwillige) einsame, der soziale Tod gezählt werden, diesen gilt es, gemäß dem Ver- ständnis einer humanen und gerechten Gesell- schaft zu verhindern. In totalen Institutionen er- folgt oft ein „civil death“ (Goffman, 1974), eine besondere Interpretation von Tod: Verlust bzw. Reduktion politischer, ökonomischer und sozialer Funktionen (Feldmann 2004). Durch Isolation, eingeschränkte Kontakte zur bisherigen Lebens- welt und durch den Entzug der Individualität ster- ben in manchen Alten- und Pflegeheimen die Be- wohner „soziale Tode“. Der Tod ist vor allem aber böse, wenn er von ande- ren willentlich dem Individuum zugefügt wird, der gewaltsame Tod z. B. durch Tötung und Mord, durch Folter, terroristische Akte, auch durch Kriege und Genozide. Das Böse in seiner Normalität und Alltäglichkeit zeigte sich in aller Brutalität in den Todesfabriken der KZ, neben der Demütigung und Entmenschlichung durch die Einbeziehung der Opfer in ihre eigene Vernichtung (siehe hierzu Kogon 1974). Die Erforschung und Analyse des Umgangs der Häftlinge selbst mit dem für sie all- gegenwärtigen, fühl- und riechbaren Tod, der stän- digen Todesangst vor Selektionen und der willkür- lichen Brutalität der Kapos, Funktionshäftlinge und des Wachpersonals, der Verhöhnung und Ent- würdigung von Glaubens-, Kulturformen und in- dividuellen Lebensformen, mörderischen Arbeits- einsätzen steht, so Daxelmüller (2002), noch aus, ebenso wie das Wissen über das Verhältnis der In- sassen zum toten Mithäftling, zur Leiche und zu den Ritualen des Todes im KZ. Ein wichtiger Ein- stieg könnte durch die Analyse der Erinnerungs- literatur der KZ-Überlebenden gesehen werden (z. B. Frister 1998 oder Kertesz 2006). Sterben in Institutionen Mehrheitlich wird in der Gegenwart in Institutio- nen gestorben. Jährlich sterben in Deutschland etwa eine dreiviertel Million Menschen, die Zahl derer, die sich in einem Sterbeprozess befinden, er- gänzt diese Zahl um ein Vielfaches. Um die Jahr- tausendwende starben etwa 50% der Menschen in Krankenhäusern, auf Intensivstationen (5%) und auf Palliativstationen oder in Hospizen (2,5%), etwa 17% in Alten- und Pflegeheimen, nur 23,5% in einer Privatwohnung. Etwas weniger als 2% starben an „sonstigen Orten“, z. B. bei Arbeits- oder Verkehrsunfällen, durch Drogen und Suizid. Die Todesfälle in den Krankenhäusern werden zu- künftig aus ökonomischen Gründen rückläufig sein, Sterbende werden vermehrt in Alten- und Pflegeheime überwiesen werden. Der Gedanke, die Übergangssituation des Lebens zum Tod in medizinischen Einrichtungen verbrin- gen zu müssen, ist historisch gesehen relativ jung. Noch im 19. Jahrhundert haben die Regeln ärzt- licher Kunst in hippokratischer Tradition empfoh- len, dass „der Arzt nicht nur im Falle des Sterbens, sondern auch im Falle der Unheilbarkeit eines Pa- tienten sich zurückzuziehen habe, denn für diese Situationen waren die Familien, vielleicht die Nach- barschaften und allenfalls Pflegende zuständig“ (Dörner 2001). Die Voraussetzungen für die Medi- kalisierung des Todes ist eine tiefgreifende Verände- rung der Auffassung von Tod und Sterben in den modernen Gesellschaften (Gronemeyer 2002). Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts wird Krankheit kör- perlich verräumlicht, sie wird an bestimmte Orte im Körper gebunden und – wie in der Interpretation bei Foucault (1998) – von der „Metaphysik des Übels“ abgelöst. „Weil der Tod in die medizinische Erfahrung […] integriert worden ist, konnte sich die Krankheit von ihrem Status als Gegen-Natur be- freien und sich im lebenden Körper der Individuen verkörpern.“ Der Tod kommt an den Tag als etwas, das im festen, aber zugleich zugänglichen Raum des menschlichen Körpers eingeschlossen ist. Gewohnte Formen des Umgangs mit Sterben und Tod werden damit hinfällig, weil Sterben und Tod nicht mehr Vorbereitung auf eine andere Existenzform oder ein Durchgangsstadium sind, sondern es werden nun Antworten gesucht auf einen Tod, der zum Problem geworden ist. Damit korrespondieren auch die Lo- ckerung oder Auflösung der Familiennetzwerke, die Verstädterung, die Auflösung gewachsener Lebens- zusammenhänge. Es geraten vielfältige Vorkehrun- gen, Bräuche und Zeichen der Pietät in Vergessen- heit, mit denen man den Tod als Teil des Alltags umgab. Sozialgeschichtlich muss ein Erfahrungs verlust in der Sterbebegleitung konstatiert werden, da sie nicht mehr als Alltagswissen von Generation zu Generation weitergeleitet und abgerufen wird.
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