Handbuch 5. Auflage

1790 Colla  Moderne Kommunikationsformen vermögen diese fehlende Qualität der „oral history“ nicht zu kom- pensieren. In der beginnenden Moderne wurden das Sterben und der Tod den Experten zugeordnet. Die- ser Prozess ist noch nicht abgeschlossen. Bei der Betrachtung des letzten Lebensortes ster- bender Menschen fällt eine deutliche Diskrepanz zu den geäußerten Wunschvorstellungen auf: Die Mehrheit der deutschen Bevölkerung möchte heute im Alter, auch bei eintretender Hilfs- und Pflege- bedürftigkeit, ihre derzeitige eigenständige Wohn- form beibehalten. Damit verbunden ist der Wunsch, die letzten Lebenstage zu Hause zu ver- bringen, eingebettet in soziale und kulturelle Zu- sammenhänge. Über 90% der Menschen äußern diesen Wunsch. Ein zentraler Bezugspunkt ist da- bei die räumliche Nähe zu Familienangehörigen oder anderen wichtigen Bezugspersonen. Der Wunsch für die erhoffte (spätere) Kommunikati- onsdichte berücksichtigt jedoch weder die durch den demographischen Wandel bedingte mögliche Verringerung potenzieller familialer Kommunika- tionspartner noch die gestiegene geographische und intergenerationelle Mobiltät aufgrund der notwendigen Flexibilität in der Arbeitswelt. Die Ablehnung einer Institution als Sterbeort, im Besonderen die des Krankenhauses, ist geprägt von Widersprüchlichkeit: Einerseits wollen Pa- tientinnen und Patienten sowie ihre Angehörigen nicht auf die Vorteile der modernen Medizin ver- zichten und befürworten die uneingeschränkte Zugangsmöglichkeit zu den Gesundheitshilfen. Andererseits fürchtet sich der Patient bei einer Hospitalisierung des eigenen Sterbens vor der Beziehungslosigkeit und Routinen im Kranken- haus. Eine einseitige, zum Teil ideologische Idea- lisierung und Bevorzugung häuslicher Pflegear- rangements erweist sich mitunter als eine gefährliche Romantisierung und unzumutbare Belastung häuslicher Versorungssituationen. Eine Alternative hierzu wird seit den 1970er Jahren in der Hospizbewegung gesucht. Hospiz Etymologisch geht der Begriff „Hospiz“ auf die la- teinischenWorte „hospes“ (Gast, Gastfreund, Frem- der) und „hospitium“ (Gastfreundschaft, Herberge) zurück. In England und in den USA ist in den 1960er Jahren in der Auseinandersetzung mit den Bürger- und Frauenrechtsfragen, der Friedensbewe- gung, den Bürgerinitiativen und Selbsthilfegruppen ein Typus der Solidarität entstanden, der unter dem Begriff „neue soziale Bewegungen“ zusammengefasst werden kann. Neben der Zielsetzung der Demokra- tisierung des gesellschaftlichen Alltags lässt sich in ihnen eine implizit vermittelte Aufforderung zur Verbesserung der Lebensqualität erkennen. Problematisiert wurden von ihnen die Dominanz der Experten sowie die unzureichende alltagswelt- liche Sensibilität im professionellen Handeln. Gefordert wurden unter anderem die Laienmit- verantwortung im Bereich von Sozial- und Ge- sundheitspolitik sowie ein Ethos des sorgenden mitmenschlichen Umgangs. Als notwendig wurde eine öffentliche Auseinandersetzung über die Ta- buisierung, aber auch die reale Situation des Ster- bens und des Todes angesehen. Seit Mitte der 1970er Jahre hat sich folglich das Bild des Patienten, besonders aber der pflegerische Umgang mit Schwerstkranken und Sterbenden, gewandelt. Im Zuge der soziokulturellen Umbrü- che veränderte sich das Verständnis vom paternalis- tischen Versorgen unmündiger, oft auf eine stati- sche Krankheitsrolle reduzierter Patienten, das einherging mit einer überwiegenden Orientierung an einem pathophysiologischen Krankheitsgesche- hen. Die neue Orientierung an der Kategorie „Sub- jekt“ bedingte, dass Lebensqualität, Selbstbestim- mung und soziale Teilhabe, Freiheit, Würde und Identität in den Mittelpunkt der angesagten Hand- lungsoptionen rückten. Der Paradigmenwechsel lässt sich an den Begriffen von „cure“, also Pflege im bio-medizinisch-technischen Verständnis, bis hin zu „care“ im phänomenologischen Sinne als Sorge, Mit-Sein, Fürsorge und Solidarität nach- zeichnen. Dies führte zu einem positiv akzentuier- ten Verständnis von „Für-Sorge“. In diesem Kontext der neuen „Kultur des Helfens“ etablierten sich auch die Hospizbewegung und die AIDS-Selbsthilfegruppen, die auf die marginalisierte Situation Schwerkranker und Sterbender im Ge- sundheitssystem aufmerksam machten. Es wurde auf die Gefahr der Übertherapie im Bereich kli- nisch-kurativer und apparatedominierter Hilfeleis- tungen bei gleichzeitigem Schwinden von wirklicher Anteilnahme und mitmenschlicher Unterstützung hingewiesen. Durch „palliative care“ sollen Persön- lichkeit und Identität auch in der Endphase des

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