Handbuch 5. Auflage
Berufs- und Professionsgeschichte der Sozialen Arbeit 179 Kinderheim o. Ä. zu leiten. Auch diese Ausbildung hat dann erst in den 1950er Jahren eine grund- legende Reform erfahren. Ohne dies systematisch aufzuarbeiten, muss be- tont werden, dass die Zeit des Nationalsozialismus für die Entwicklung des Ausbildungswesens für soziale Berufe einen erheblichen Rückschritt dar- stellte: Durch die Auflösung einzelner Wohlfahrts- schulen, die Umbenennung in „Nationalsozialis tische Frauenschulen zur Volkspflege“ und die Entlassung von wichtigen Teilen des Lehrkörpers wurde vor allem die gewachsene Identität der Frauenschulen und ihre Fachlichkeit zerstört und durch eine „nationalsozialistische Geisteshaltung“ ersetzt (Sachße /Tennstedt 1992, 195). Sozialpoli- tik, Soziologie und Psychologie verschwanden aus den Lehrplänen ebenso wie allgemeinbildende, theoretische und historische Anteile. Pflegende Tätigkeiten und eine ideologisierte Familienorien- tierung wurden zu neuen Maßstäben einer natio- nalsozialistischen Volkspflege. Die Anbindung der Jugendämter an die Gesundheitsämter und die Unterordnung der „Volkspfleger“ unter ärztliche Regie verstärkten den Prozess einer pädagogisch- sozialen Entfachlichung sowie eine größere Dis- tanzierung zu den theoretisch-wissenschaftlichen Ausbildungsanteilen der ehemaligen Wohlfahrts- schulen. Dieser Wandel sollte Auswirkungen bis in die 1950er Jahre haben. Akademisierungsprozesse der sozialen Berufe Die ersten Spuren einer Akademisierung der Sozia- len Arbeit lassen sich im ersten Drittel des 20. Jahr- hunderts ausfindig machen (Gängler 1994). Dabei kann man zwei Traditionslinien unterscheiden, die lange getrennt voneinander verlaufen sind. Stich- weh (1994, 281)betont, dass für die Soziogenese von Professionen immer sowohl innerprofessionelle Initiativen und Strategien als auch – und unabhän- gig davon – die Entstehung und Entwicklung des modernen Hochschulsystems verantwortlich wa- ren. So könnte die Entwicklung der Sozialen Ar- beit ein besonderes Beispiel im Nebeneinander dieser beiden Prozesse darstellen: So ist zum einen eine Entwicklung zu beobachten, ■ ■ die sich aus den Traditionen der vorhandenen Qua- lifikationsprofile und den Bereichen derWohlfahrts- fürsorge, der Jugendpflege sowie der Heimerzie- hung speist und nach und nach zu einer Etablierung im Hochschulsystem führt. Die Akademisierung ent- stand aus sich artikulierenden Professionalisie- rungsbestrebungen der Ausbildungsstätten und der Fachpraxis sowie aus Weiterqualifizierungs- und Aufstiegsbedürfnissen der Berufstätigen im Feld der Sozialen Arbeit. Dieser Strang einer Akademi- sierung der Sozialen Arbeit hat sich eher „von un- ten nach oben“ entwickelt und lässt sich eher als ein „Bottom-up-Prozess“ umschreiben, der bei ein- fachen Qualifizierungskursen und praxisnahenWei- terbildungsangeboten seinen Ausgang nahm und über die neu geschaffenen Diplomstudiengänge für Sozialarbeit und Sozialpädagogik an den Fach- hochschulen Ende der 1960er Jahre schließlich im 21. Jahrhundert zu den Bachelor- und Masterstu- diengängen der „Sozialen Arbeit“ führte. Verein- facht ließe sich dies als der „professionsbezogene“ Weg der Akademisierung der Sozialen Arbeit be- zeichnen. Zum anderen lässt sich daneben ein zweiter Ent- ■ ■ wicklungsstrang identifizieren, der eher innerwis- senschaftlich und weitgehend unberührt von den Diskussionen an den sozialen Frauenschulen, Wohlfahrtsschulen, Fachschulen und Akademien verlaufen ist. Er kann insoweit als eine Akademi- sierung der Sozialpädagogik vor allem im Rahmen der Erziehungswissenschaft verstanden werden und vollzog sich dabei im Wesentlichen als eine „Top-down-Entwicklung“. Ein vorläufiger End- punkt dieser Entwicklung war bis zum Ende des 20. Jahrhunderts – nach einer längeren Vor- geschichte – aufseiten der akademischen Ausbil- dung der Diplomstudiengang Erziehungswissen- schaft mit seiner einflussreichen und prägenden Studienrichtung Sozialpädagogik (Rauschen- bach / Otto 2002), bevor auch hier das BA- / MA- Zeitalter seinen Einzug hielt (Horn et al. 2008). Diese Entwicklung entspricht sehr viel mehr dem Weg einer „disziplinbezogenen“ Akademisierung der Sozialen Arbeit. Insgesamt sind die Prozesse der Akademisierung der Sozialen Arbeit ohne Berücksichtigung dieser beiden lange Zeit relativ stark voneinander ge- trennten Stränge nicht hinreichend zu verstehen (siehe auch Thole 1994).
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