Handbuch 5. Auflage

Tod und Hospizarbeit 1791 Lebens aufrechterhalten werden. Ausgehend von „Normalbiographien“ soll unter Berücksichtigung einer in der biographischen Entwicklung entfalteten Selbstbestimmung und des sozialen Umfeldes ster- bender Patientinnen und Patienten versucht werden, in der letzten Lebensphase durch Integration von palliativer Pflege, palliativer Medizin und psycho- sozialer Versorgung eine relative Schmerzfreiheit und Verminderung des Leidens zu erreichen und damit die Lebensqualität zu erhalten, respektive zu verbessern. Wurde vormals Schmerzen im religiösen Kontext eine läuternde, z.T. auch die Seele rei- nigende Funktion zugeschrieben, gehört heute, im Zuge der Rationalisierung, die Schmerzkontrolle zu den Menschenrechten und der Würde von Todkran- ken (Europarat 1999). Erste Gründungen sind in römisch-frühchristli- cher Zeit nachweisbar, im Mittelalter waren die von christlichen Orden geführten Hospize Her- bergen für Reisende, vor allem für Pilger, Bedürf- tige, Waisen, aber auch Kranken und Sterbenden wurde Unterkunft und „dienende Pflege“ ange- boten. Mit der Entstehung von Hospitalorden wurde die Krankenpflege ausgegliedert, später wurden Krankenhäuser gegründet. Hospize blie- ben bis ins 19. Jahrhundert christlich caritative Sozialherbergen. Die erste Verwendung des Be- griffs „Hospiz“ im ausschließlichen Zusammen- hang mit der Versorgung von Sterbenden ist in Irland 1879 nachweisbar. Aickenhead (Gründerin der „Irish Sisters of Charity“) stiftete ein Haus, das ruhiger und kleiner sein sollte als ein Kran- kenhaus für akut Kranke, das aber die gleichen Einrichtungen für die Pflege am Krankenbett ha- ben sollte. Das heutige Selbstverständnis von Hospiz wurde 1967 von Cicely Saunders, Kran- kenschwester, Sozialarbeiterin und später auch Ärztin, entwickelt. In der Fachterminologie steht Hospiz nicht in ers- ter Linie für einen bestimmten Ort der Sorge und Versorgung Kranker in Terminalstadien oder Ster- bender, sondern versteht sich als ein sozial-bürger- liches Engagement, das sich sowohl gegen Formen und Folgen sozialer Ausgliederung als auch gegen die soziale Entmündigung Schwerkranker und Sterbender in ihrer letzten Lebensphase wendet. Noch vorhandene Sozialkontakte Sterbender sollen aufrechterhalten und unterstützt werden, denn sterben ist nicht einfach das Ende, sondern selbst noch ein Teil des Lebens. Die Hospizbewegung registriert, dass zwischen ihren Idealvorstellungen der Wissensanwendung und der Realität, gesehen als ein vielschichtiges Geflecht von vielfältig interpretierbaren Bedürf- nissen, eine prekäre Spannung besteht. Deswegen organisiert sich die Hospizarbeit kleinräumig, um so sozialräumliche Besonderheiten und mentali- tätsgeschichtlich begründbare Eigentümlichkei- ten besser integrieren zu können. Generell wird der ambulanten hospizlichen Pflege Vorrang vor einer stationären Unterbringung in einem Hospiz eingeräumt. In Deutschland gibt es derzeit 151 stationäre Hos- pize, 139 Palliativstationen in Krankenhäusern und 1450 ambulante Hospizdienste. Nach Berech- nung des deutschen Hospiz- und Palliativverban- des (DHPV) kommen heute in Deutschland auf eine Million Einwohner 17 Palliativ- und Hospiz- betten, benötigt werden aber 50 Betten pro eine Million Einwohner. Palliativstationen Palliativstationen sind an Fachabteilungen eines Krankenhauses (z. B. Anästhesie, Innere Medizin, Onkologie, Chirurgie) angebundene oder inte- grierte Stationen. Sie sind jedoch in aller Regel in Abgrenzung zu anderen Fachabteilungen wohn- lich ausgestattet. Die Zielsetzung einer Palliativ- station liegt in einer möglichst raschen Schmerz- und Symptomlinderung und einer baldmöglichen Entlassung des Patienten in die häusliche Umge- bung unter der Voraussetzung der Möglichkeit ausreichender Schmerztherapie / Symptomkon- trolle. Hospize Hospize sind in der Regel Häuser mit einer eigen- ständigen Organisationsstruktur. Viele Einrich- tungen sind mit Unterbringungsmöglichkeiten für Angehörige (rooming-in), Cafeteria, Gemein- schafts- und Meditationsraum, Abschiedsraum etc. ausgestattet. Der Aufgabenschwerpunkt liegt in der Überwachung von Schmerztherapie und Symptomkontrolle und in der palliativ-pflegeri- schen, psychosozialen und spirituellen Betreuung. Die Arbeit des interdisziplinären Teams wird

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