Handbuch 5. Auflage

Transnationalität und Soziale Arbeit 1797 Interventions- undMaßnahmenlogik „mitregieren“, sondern dass sie gerade in der Rahmung von Unter- stützungsprozessen auf Vernetzungsstrategien ange- wiesen sind: Transnationale Organisationen fun­ gieren in der Global-Governance-Perspektive als intermediäre und vernetzende Instanzen zwischen den Akteurinnen und Akteuren. Vernetzung meint dann nicht nur ein Verfahren der Koordination von Organisationen und Einrichtungen, sondern eine intermediäre Handlungsform im regionalen und transnationalen Kontext. Netzwerke, in denen Transnationale Unterstützungsorganisationen ein­ gebunden sind, bilden dabei nicht nur Infrastruk­ turen für Austausch-, Kommunikations- und Ent- scheidungsprozesse zwischen Individuen, Gruppen und Organisationen, sondern beeinflussen über die Netzwerkstrukturen und -beziehungen auch politi- sche und soziale Handlungsorientierungen und -optionen (Kern 2004). Ihr Ziel ist es dabei, folgt man zumindest ihrer häufig geäußerten Selbstlegitimation, die zivile Handlungsmächtigkeit der jeweilig beteiligten Ak- teurinnen und Akteure zu stärken. So begründen Transnationale Hilfsorganisationen ihre sozialen Unterstützungsformen und Interventionen häufig über Ansätze des Empowerments oder der Selbst- hilfe bzw. argumentieren, dass sie Handlungskon- zepte von lokalen Grassroots-Bewegungen aufneh- men (Sherraden /Ninacs 1998; McCall 2003) oder die Teilhabe von Akteurinnen und Akteuren an der sozialen und zivilgesellschaftlichen Entwicklung stärken (Goetze 2002). Vor diesem Hintergrund rücken in der Sozialen Unterstützungsforschung auch die jeweiligen Prak- tiken von Transnationalen Organisationen im Kontext von transnationalen Unterstützungsbezie- hungen stärker in den Blick. Dabei erscheint es grundlegend, nicht von vornherein von einer asymmetrischen Beziehung in den Unterstützungs- beziehungen auszugehen, sondern es geht vielmehr darum, die Konstitutionsprozesse von sozialer Unterstützung und z. B. die damit einhergehen­ den Prozesse und Logiken der Herausbildung von potenziellen Abhängigkeitsbeziehungen zu unter- suchen. Darum ist aus dieser Perspektive auch „die Einbeziehung des intervenierenden Subjekts“ (Kößler 2004, 71) in die Analyse der Unterstüt- zungsprozesse grundlegend. Transnationale Soziale Unterstützungsforschung Eine systematische Unterstützungsforschung (Nest- mann 2010) mit dem Fokus auf die Erweiterung der Handlungsoptionen und -formen der Akteu- rinnen und Akteure war bislang kaum ein expliziter Zugang der Transnationalitätsforschung. Entlang der vorherrschenden Strukturierung in der sozialen Unterstützungsforschung, die zwischen spontanen und natürlichen (z. B. Familie), intermediären (z. B. Gemeinden oder Communities) und profes- sionalisierten Hilfesystemen unterscheidet (u. a. Caplan 1974; 1976; Nestmann 2005), lassen sich dabei drei Bereiche für eine empirische Annähe- rung herausstellen : Transnational Family Care, Transnational Communities und Transnational Pro- fessional Intervention . Transnational Family Care Soziale Unterstützung im Rahmen familialer Be- ziehungen war und ist ein zentraler Gegenstand der Sozialen Unterstützungsforschung. Ein Haupt- grund hierfür liegt in der besonderen Quantität und Qualität familialer Unterstützungsleistungen aufgrund ihrer Solidaritätsverpflichtungen und Normen der gegenseitigen Hilfe und Unterstüt- zung. In vielen Studien hat sich die Familie als ver- lässliche, wichtige und konstante Hilfsinstanz er- wiesen (z. B. Pierce et al. 1996). Sie bietet effektiven Schutz der Mitglieder vor Störungen des Wohl- befindens und trägt erheblich zur Bewältigung krisenhafter Prozesse bei. Allerdings können aus der familialen Unterstützung auch erhebliche Be- lastungen resultieren (z.B. Laireiter/Lettner 1993). Familiale Unterstützung wurde bislang kaum im Rahmen transnationaler Sozialer Unterstützungs- formen und -prozesse betrachtet. Diesbezüglich ist auf den zunehmenden Transfer von – in der überwiegenden Mehrheit von Frauen erbrach- ten – Versorgungs-, Betreuungs- und Pflege- dienstleistungen aus armen Ländern in Haushalte reicher Länder hinzuweisen (Anderson 2000; Hondagneu-Sotelo 2001; Salazar Parreñas 2001a; b; Ehrenreich / Hochschild 2003; Lutz 2007). Dies ist ein weltweites Phänomen. In Nordame- rika und Europa nehmen diese haushalts- bzw. familienbezogenen Dienstleistungen einen pro-

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