Handbuch 5. Auflage
1798 Schröer · Schweppe minenten Platz in der Transmigrationsforschung ein. Erklären lässt sich die „neue Dienstmädchenfrage“ durch den veränderten Versorgungs-, Betreuungs-, Erziehungs- und Pflegebedarf privater Haushalte vor allem in reichen Ländern infolge familialer Strukturveränderungen, des wachsenden Bedarfs der Altenbetreuung und -pflege sowie der fort- schreitenden Privatisierung im öffentlichen Betreu- ungs-, Versorgungs- und Pflegesystem (Geissler 2002). Zur Bewältigung und Deckung dieses Be- darfs greifen Familien zunehmend auf außerfami- liale Unterstützungen zurück bzw. geben Aufgaben der Pflege, Betreuung, Versorgung und Erziehung an bezahlte Arbeitskräfte ab. Dabei kommt dem Rückgriff auf Haushaltsarbeiterinnen mit Migrati- onshintergrund eine bedeutende Rolle zu, weil sie, oft im Gegensatz zu einheimischen Arbeitskräften, die diesbezüglich eingerichteten, prekären Arbeits- verhältnisse eher akzeptieren. Mit dem Begriff „global care chains“ – „a series of personal links between people across the globe ba- sed on paid or unpaid work of caring“ (Hochschild 2000, 131) – macht die Forschung deutlich, dass das Phänomen der „neuen Dienstmädchen“ kei- neswegs nur einen Einweg-Prozess von ärmeren in reichere Länder impliziert, sondern damit die Ver- kettung von „care“ zwischen den Herkunftsländern und den Ankunftsländern einhergeht. So wurde im Hinblick auf die in den Heimatländern gebliebe- nen eigenen Kinder der „neuen Dienstmädchen“ der Begriff der transnationalen Mutterschaft ge- prägt (Hondagneu-Sotelo / Avila 1997). Während die alltägliche Sorge, Betreuung und Erziehung oft durch „Ersatzmütter“ erfolgt – z. B. durch bezahlte Kräfte oder durch Verwandte oder Bekannte – zieht sich die leibliche Mutter nicht aus diesen Aufgaben generell zurück, sondern greift z. B. über moderne Telekommunikationsmittel häufig über die Dis- tanz ein (Salazar Parreñas 2001b). Neben der „neuen Dienstmädchenfrage“ sind für transnationale Formen familialer Sozialer Unter- stützung ebenso Ergebnisse der transnationalen Familienforschung von Bedeutung. Diese zeigen, dass auch transnationale Familien vielschichtige Beziehungen aufrechterhalten und sich die Verant- wortung gegenüber der Familie aufgrund geogra- phischer Distanz nicht auflöst. Die bisherige For- schung enthält implizit vielfältige Hinweise darauf, dass auch transnationale Familien grenzüberschrei- tende Formen der Sozialen Unterstützung ent- wickeln (z. B. Goulbourne /Chamberlain 2001; Bryceson /Vuorela 2002). Die Forschung hat dies- bezüglich besonders die enormen und rapide wachsenden finanziellen Transfers von Migranten und Migrantinnen an Familienmitglieder in ih- rer / n Heimatregion(en) belegt (Global Commis- sion 2005, 26). Insgesamt hat die Forschung sehr auf die positiven Auswirkungen von transnationalen Care-Praktiken fokussiert. Sie läuft damit Gefahr, belastende, ein- schränkende und negative Folgewirkungen aus dem Blick zu verlieren. So werden die „neuen Dienstmädchen“ häufig positiv als „agents of change“ bezeichnet, ohne jedoch z. B. systematisch der Frage nachzugehen, welche Bedeutung die oft prekären Arbeitsbedingungen – schlechte Bezah- lung, lange Arbeitszeiten, geringer Urlaub sowie Illegalität und damit der begrenzte Zugang zu so- zialen Sicherungssystemen – für die Entwicklung ihrer Handlungsmächtigkeit haben (Brückner 2008). Zudem hat die Forschung offengelegt, dass transnationale Erwerbsarbeit von Frauen kaum mit der Veränderung männlicher Rollen in der zurück- gebliebenen Familie einhergeht. Frauen müssen somit – nun aus der Ferne – vor allem Fragen der Kindererziehung und -betreuung weiter organisie- ren. Auch in Bezug auf die o. g. finanziellen Trans- fers durch Migrantinnen und Migranten liegen ambivalente Befunde vor. So wird auf die Gefahr von Abhängigkeitsbeziehungen sowohl einzelner Familien als auch ganzer Regionen hingewiesen (Itzigsohn 2000; Portes 2003). Zudem gewinnen transnationale family „care-poli- cies“ aufgrund des zunehmend transnationalen Charakters von „care“ an Bedeutung (Brückner 2008; Tronto 2008). Dabei werden Fragen zumVer- hältnis öffentlicher und privater Care-Leistungen und -Verantwortlichkeiten (Hochschild 1995) ebenso thematisiert wie die Gewährleistung sozialer Bürgerrechte („social citizenship“) für Sorgeleis- tende. Hiermit wird die gleichberechtigte Aner kennung von Sorge- und Erwerbstätigkeiten ein gefordert (Knijn/Kremer 1997). Die derzeitige mangelnde Anerkennung von Sorgetätigkeiten wird im Rahmen geschlechtsspezifischer Ungleichheits- verhältnisse diskutiert, durch die Care-Aufgaben und -Verantwortlichkeiten weitgehend Frauen zu- geordnet werden. In diesem Zusammenhang weist Tronto (2005) darauf hin, dass die transnationale
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