Handbuch 5. Auflage

Abenteuer- und Erlebnispädagogik 19 schen Überlegungen Georg Simmels aufgreifend, skizzierte Thiersch die gegenüber dem Alltag he­ rausgehobene Stellung des Abenteuers – „des prin- zipiell offenen und riskanten Lebens“ (2004, 432) – als grundlegenden Seins-Modus und unter- strich seine Bedeutsamkeit für das Lebensgefühl und die Lebenserfahrung von Heranwachsenden. „Wenn Jugend die Zeit ist, in der Heranwachsende sich erproben, mit sich experimentieren müssen, um zu erfah- ren, wer sie unter den Anderen und in der Welt sind, dann drängt sich das Abenteuer als Lebensmuster förmlich auf. Abenteuer, so gesehen, ist der Jugend gemäß.“ (Thiersch 1993, 38) Heiner Keupp verknüpfte die sinnlich-körperliche Dimension abenteuer- und erlebnispädagogischer Settings und ihr Authentizitätsversprechen mit der Frage, wie es Menschen heute – angesichts der dra- matisch gestiegenen Anforderungen an die Sub- jekte – gelingen kann, ihre Identitätsarbeit zu be- wältigen und wie insbesondere Heranwachsende jene psychischen, physischen, sozialen und materi- ellen Ressourcen entwickeln können, die sie benö- tigen, um handlungsfähig und erwachsen zu wer- den. Um „Lebenskohärenz“ aufbauen zu können, benötigten Kinder und Jugendliche in ihrer Le- benswelt Freiräume, um „sich selbst zu entwerfen und gestaltend auf ihren Alltag einwirken zu kön- nen“ (Keupp 2004, 43). Diesen auf den Arbeiten Aaron Antonovskys beruhenden salutogenetischen Ansatz hat Keupp im13. Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung von 2009 (BMFSFJ 2009), in dessen Mittelpunkt die Themen Gesundheitsför- derung und gesundheitliche Prävention stehen, weiter ausgeführt. Mit den zentralen theoretischen Konzepten des Kohärenzgefühls und der Resilienz eröffnet sich eine Reihe an Anschlussmöglichkeiten zu einer abenteuer- und erlebnispädagogischen Praxis in der Jugendarbeit. Auf die vielfältigen Bezüge der Abenteuer- und Er- lebnispädagogik zur Aneignungs- und Sozialraum- diskussion in der Jugendarbeit hat vor allem Ulrich Deinet aufmerksam gemacht. Erlebnispädagogische Ansätze erscheinen ihm unter dem Aspekt des An- eignungsverhaltens von Kindern und Jugendlichen deshalb besonders interessant, weil sie eine Brücke zwischen pädagogisch inszenierten Räumen und dem Aneignungs- bzw. Risikobedürfnis von Ju- gendlichen allgemein schlagen und durch gezielte Angebote Bildungsmöglichkeiten eröffnen, die von den Lebenswelten der Kinder ausgehen. „Körperbetonte auf Wagnis und Risiko bezogene Projekte bieten bewusst und gezielt Räume, die Erfahrungen mög- lich machen, die in dieser Weise in anderen Lebensberei- chen nur schwer zugänglich sind. Hier entwickeln erleb- nispädagogische Projekte ein besonderes Curriculum nicht-schulischer Lernprozesse.“ (Deinet 2007, 226) An den Bildungspotenzialen für Kinder und Ju- gendliche knüpft auch der bildungstheoretische und kulturphilosophische Ansatz des Sportsoziolo- gen Peter Becker an, der einen Paradigmenwechsel „vom Erlebnis zum Abenteuer“ (Becker 2001) be- gründet und derzeit den einzigen konsistenten The- orieentwurf zur Abenteuerpädagogik vorhält. Auf der Basis entwicklungspsychologischer Überlegun- gen entwickelt er sein Modell des Abenteuers als einer Kulturform, einer entlasteten, spielerischen und sozialen Praxis des Umgangs mit Neugier, mit Wissensdrang und mit Erfahrungsbildung. Nach diesem Modell erfahren die Subjekte in der Ausein- andersetzung mit den krisenhaften Situationen des Abenteuers, in denen ihre erworbenen Routinen nicht mehr ausreichen, die Autonomie ihres Han- delns und bringen ihren individuellen Bildungspro- zess voran. Dieser Ansatz ist deshalb für die Kinder- und Jugendhilfe von besonderer Bedeutung, da er die altersspezifischen Bewältigungsaufgaben in Kindheit und Jugend sowie die in diesen zwingend zu machenden Erfahrungen des Selbstständigwer- dens und der Autonomieentwicklung thematisiert und mit den Anforderungsdimensionen abenteuer- licher Aktivitäten in Verbindung setzt (Becker 2005, 235; Becker 2006; 2009): „Sind es in der Jugendphase die Situation der Ablösung und die damit verbundenen Anforderungen, die abenteu- erliche Situationen zu einem Thema dieser Phase machen, so wird das Abenteuer in der Kindheit vor allem in dem unübersehbaren Drang, sich mit unbekannten Situatio- nen und den sie bergenden Überraschungen auseinander zu setzen, zu einem spielerischen Umgang mit der noch unvertrauten Welt.“ Detailliert zeichnet Becker die strukturellen Erfah- rungsgehalte abenteuerlicher Aktivitäten beim Be- fahren wilder Bäche und Flüsse, der Auseinander- setzung mit Wind und Wellen, der Bewältigung

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