Handbuch 5. Auflage

1806 Brumlik  tugenden, nämlich der Gerechtigkeit, dem Mut, der Klugheit und der Besonnenheit sowie den Tu- genden des Glaubens, der Liebe und der Hoffnung (Pieper 1986). Für Thomas von Aquin, der hier Aristoteles folgt, ist die menschliche Natur grund- sätzlich dazu geeignet, den Tugenden Vorschub zu leisten. In dieser Perspektive werden die etwa noch von Seneca verurteilten begehrenden Kräfte dann rehabilitiert, sofern sie von der Vernunft geleitet sind (Ritter /Gründer 1998, 1551 / 52). Freilich hat das mittelalterliche Denken aufgrund seiner christlichen Prägung den Tugenden stärker, als das die Antike je tat, den Tugenden auch Laster und Lasterkataloge an die Seite gestellt, die zugespitzt als „Todsünden“ galten und damit jene Charakter- eigenschaften bezeichnen, die einem gedeihlichen menschlichen Leben ebenso abträglich sind, wie ihm die Tugenden zuträglich sind. Es sind dies der Stolz, die Trägheit, die Begehrlichkeit, der Zorn, die Genusssucht, der Neid und der Geiz (Rit- ter /Gründer 1980, 37 f.). Mit ihren Tugend- und Lasterkatalogen hat die Philosophie des nicht nur christlichen, sondern auch jüdischen und isla- mischen Mittelalters einen für Weiterungen durch- aus offenen Minimalkatalog von zu fördernden und zu unterdrückenden Charakterzügen auf- gestellt, der in genau dem Augenblick seine Gültig- keit verlieren sollte, als sich die (vermeintliche) Einsicht durchsetzen sollte, dass die menschlichen Leidenschaften letztendlich so stark sind, dass sie durch unmittelbare Vernunftausübung nicht mehr unter Kontrolle gebracht werden können. Der Be- griff des Lasters stellt indes alles andere als ein se- mantisches Überbleibsel traditionalistischer Gesell- schaften dar, sondern lässt sich sprachanalytisch präzisieren und in einer zeitgemäßen Moraltheorie verwenden (Frankel Paul et al. 1998). Neuzeit Auf der Basis dieser Grundhaltung findet das früh- neuzeitliche Denken aus zwei entgegengesetzten Richtungen wieder zu einer ethischen Neutralisie- rung des Tugendbegriffes zurück – wie in der Antike gelten Tugenden nun wieder als vor allem funktio- nale Eigenschaften ohne besonderen, internen mo- ralischen Wert. Der ebenso auf moderne Selbst- behauptungssätze wie auf Basis der klassischen Antike argumentierende Staatsdenker Niccolo Ma- chiavelli versteht unter „virtú“ jene Eigenschaften eines Herrschers, die ihn in die Lage versetzen, sein staatsmännisches Regiment aufzubauen, zu festigen und zu erhalten, unabhängig davon, ob diese Fähig- keiten und die ihnen entsprechenden Handlungen herkömmlichen Moralkategorien genügen oder nicht. Das herkömmliche Vertrauen in den klassi- schen Tugendkanon führt unter Bedingungen einer nur noch auf Selbstbehauptung setzenden Neuzeit nur zur Niederlage. Angesichts von Verhältnissen, die notwendigerweise keinem vernünftigen Plan mehr entsprechen und wesentlich vom Zufall be- stimmt sind, bzw. angesichts der grundsätzlichen Wankelmütigkeit sowohl der Beherrschten als auch der Herrschaftskonkurrenten bestehen die wesentli- chen Tugenden in der individuellen Freiheit von Angst, in situationsgebundener Klugheit sowie dem Gespür, den Zufall angemessen zu nutzen (Machia- velli 1986, 41f.; Münkler 1990, 313f.). In der Tradition des Kirchenvaters Augustinus da- von überzeugt, dass sich gelingendes menschliches Leben und Sterben ausschließlich der Gnade Got- tes und keinerlei menschlichen Anstrengungen und Verdiensten verdankt, verlieren die Tugenden im Werk Martin Luthers ihre überragende morali- sche Bedeutung und werden der einen Zentraltu- gend, dem „Glauben“, untergeordnet (Luther 1991a, 97 f.). Politisch zeichnet Luther insbeson- dere im Hinblick auf die von ihm als „weltliches Regiment“ bezeichnete, eben nicht heilsgebundene politische Herrschaft vor allem die „Billigkeit“ im Bereich der Rechtssprechung aus (1991a, 59). In unsystematischer Weise hat Luther in seinen „Tischreden“ die vier Haupttugenden der Mäßig- keit, die den Leib erhält, die Gerechtigkeit, die er- nährt, die Tapferkeit, die wehre, sowie die Weisheit, die alles regiere, ausgezeichnet. Tugenden sind bei Luther jene Eigenschaften, die es ermöglichen, den Alltag zu überstehen, als beste Tugend dieser Art wird die Geduld genannt, deren systematischen Grund, nämlich den Willen und die Hilfe Gottes die paganen Philosophen nicht verstanden hätten (1991c, 233). Indem die Tugenden sowohl bei Machiavelli als auch bei Luther von Moral und Gnade gleichermaßen weit entfernt sind, werden sie als Selbstbehauptungsfähigkeiten erkannt, die nicht mehr und nicht weniger als Techniken zur Bewältigung von Alltagszwängen in dem individu- ellen und halbwegs friedlichen Zusammenleben in der kollektiven Existenz darstellen.

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