Handbuch 5. Auflage
Berufs- und Professionsgeschichte der Sozialen Arbeit 181 und zu Neugründungen sowie erstmalig zu einer gewissen fachlichen und institutionellen Annähe- rung von Sozialpädagogik und Sozialarbeit – etwa in gemeinsamen Fachbereichen oder gar in eigen- ständigen, vor allem konfessionellen Fachhoch- schulen für Sozialwesen –, wenngleich die institu- tionelle Trennung vorerst das dominante Muster blieb. Zugleich aber läutete dieser Akademisie- rungsschritt auch ein „Ende“ der großen Zeit der traditionsreichen und wichtigen (Fortbildungs-) Akademien und außerschulischen Bildungsstätten ein – wie etwa das „Haus am Rupenhorn“ in Ber- lin, das „Burckhardthaus“ in Gelnhausen oder der „Jugendhof Vlotho“ in Ostwestfalen. Diese ent- falteten bis in die 1970er Jahre hinein als geistige Zentren zum fachlichen Dialog, zur berufsbeglei- tenden Weiterqualifizierung und zu einer allmäh- lichen Professionalisierung eine nicht zu unter- schätzende Wirkung. Bilanziert werden kann, dass dieser späte und ins- besondere durch außerfachlich-formale Anglei- chungsbeschlüsse zustande gekommene Eintritt in das tertiäre Bildungssystem – gewissermaßen auf dem Beschluss- und Umbenennungswege, ohne Beteiligung der Fachpraxis oder des Wissenschafts- systems – dazu führte, dass bei der Gründung der Fachhochschulen zunächst notgedrungen ein er- heblicher Mangel an entsprechend qualifiziertem Hochschulpersonal bestand (und den Fachhoch- schulen zunächst die gleiche Skepsis entgegenschlug wie den Universitäten; Happe 1976). Ausschlag- gebend für eine Berufung als Hochschullehrender in Sozialpädagogik oder Sozialarbeit war vielfach vor allem einschlägige Berufspraxis, ein abgeschlos- senes Studium und nach Möglichkeit eine Pro- motion. Da zumindest eine Promotion vielfach nicht gegeben war, musste sich eine nicht unerheb- liche Zahl des damals neu eingestellten Fachhoch- schulpersonals, vor allem aus der Gruppe der „leh- renden Sozialarbeiter“, in einem vorgegebenen Zeitfenster nachqualifizieren, um so nach einer Übergangsfrist im Status einer FH-Professur ver- bleiben zu können. Diese Besonderheit markiert für diesen Strang der Sozialen Arbeit nochmals eine strukturelle Differenz und einen historischen Un- terschied zu einer weitaus stärker inneruniversitär verlaufenen Akademisierung in der Erziehungswis- senschaft. Der disziplinbezogene Weg der Akademisierung Die universitären Aktivitäten in Sachen Sozialer Arbeit der damaligen Zeit lassen sich relativ unbe- rührt von den skizzierten Entwicklungen der be- stehenden außeruniversitären Ausbildungen für eine sich ständig erweiternde und stabilisierende Praxis der Sozialen Arbeit beobachten, deren Plat- zierung außerhalb des universitären Umfeldes Alice Salomon stets mit dem Anspruch eines an- ders gearteten Zusammenspiels von moralisch- geistiger Haltung und Persönlichkeit einerseits sowie fachlicher Kompetenz andererseits begrün- dete – und zudem als Ausbildung von Frauen an den damaligen, allein Männern vorbehaltenen Universitäten auch keinerlei Chance auf An- erkennung gehabt hätte. Spätestens nach dem Ersten Weltkrieg gab es an den Universitäten erste Ansätze einer dezidierten wissenschaftlichen Be- schäftigung mit dem Fürsorgewesen einerseits so- wie den sozialpädagogischen Fragen andererseits, auch wenn eine universitäre Pädagogik in den 1920er Jahren noch kaum etabliert war und eine Verbindung zu Fragen einer nicht-schulbezoge- nen Professionalisierung bestenfalls diffus waren (Gängler 1994, 239). So gab es vor allem an den philosophischen Fakul- täten einschlägige Schwerpunkte und ab 1925 ei- nen Lehrstuhl für Jugendkunde und Jugendwohl- fahrt an der heutigen Humboldt-Universität zu Berlin. Daneben wurde in Göttingen, eng verbun- den mit dem Lehrstuhl für Psychologie und Päd- agogik und dem Namen Herman Nohl, sogar ein Ausbildungsmodell entwickelt (Gängler 1994, 233). Und an der Universität Hamburg wurde eine Abteilung für Jugendpflege sowie in Kiel eine Ab- teilung „Volkshochschule und sozialpädagogisches Seminar“ eingerichtet (Amthor 2003, 392). Neben dieser Anbindung an Philosophie, Pädago- gik und Psychologie wurden an den theologischen Fakultäten in Freiburg und Berlin Institute für Caritas-Wissenschaft angegliedert. Und an den wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Fakultä- ten der Universitäten Frankfurt am Main und Münster entwickelten sich erste Ansätze einer Für- sorgewissenschaft, die damals eng mit dem Namen Christian Jasper Klumker verbunden waren und in der Nachkriegszeit von dessen Schüler Hanns Scherpner bis Ende der 1950er Jahre weitergeführt wurden (Rauschenbach /Gängler 1996).
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