Handbuch 5. Auflage

182 Rauschenbach · Züchner  Nach dem Krieg blieb die universitäre Ausbildung der Sozialen Arbeit dann jedoch fast ausschließ- lich auf die Erziehungswissenschaft beschränkt, obwohl z. B. Scherpner bis zu seinem Tod die Ar- beit Klumkers an der Universität Frankfurt fort- führte. So wurden an den Universitäten Göttingen, Marburg, Münster, Hamburg und der FU Berlin sozialpädagogische Studienangebote, vor allem über pädagogische Seminare organisiert, häufig aber auch interdisziplinär und vorwiegend als Abend- kurse oder Zusatzstudien angeboten (Gängler 1994, 238; Amthor 2003, 518). Sozialpädagogische Stu- diengänge wurden zu diesem Zeitpunkt aller- dings – trotz mancher prominenter Forderung wie z. B. von Hans Scherpner oder Andreas Flit- ner – noch nicht eingerichtet (Rauschenbach 1991, 4). Soziale Arbeit war in den 1960er und 1970er Jahren daneben zwar auch immer wieder Gegenstand soziologischer Professuren und The- menschwerpunkte, vor allem an den Pädago- gischen Hochschulen in Nordrhein-Westfalen im Rahmen der Lehrerausbildung. Allerdings verlor sich dieses eher diskursorientierte als professions- orientierte Interesse der Soziologie an der Sozialen Arbeit im Laufe der 1980er Jahre weitgehend (Bommes / Scherr 2000, 28). Die Entwicklung der Sozialpädagogik zu einem „Massenfach“ im universitären Hochschulsystem war in Deutschland im Weiteren unmittelbar mit der Ausbreitung einer vor allem außerschulisch orientierten Erziehungswissenschaft verknüpft, die sich lange insbesondere an der Lehrerbildung ori- entiert hatte. Analog zu anderen sozialwissenschaft- lichen Studiengängen waren Hauptfachstudien- gänge und deren konsolidierter Ausbau auch für die Erziehungswissenschaft der entscheidende Mo- tor für die Entwicklung erziehungswissenschaftli- cher Theoriebildung und empirischer Forschung, aber auch für die fachspezifische Ausbildung von wissenschaftlichem Nachwuchs (Gängler 1994; Langenbach et al. 1974, 47). Insofern muss die Einführung des erziehungswis- senschaftlichen Diplomstudiengangs zu Beginn der 1970er Jahre – trotz eines bereits zuvor vor- handenen Magisterstudiengangs – zweifellos als der zentrale und folgenreichste Einschnitt im Pro- zess der Konstituierung der universitären Sozialpäd­ agogik als Teildisziplin der Erziehungswissenschaft betrachtet werden. Die Sozialpädagogik ent- wickelte sich nämlich von Anfang an zum wich- tigsten und am stärksten nachgefragten Schwer- punkt des neuen Diplomstudiengangs. Infolge der überraschend starken Studienplatznachfrage in Sozialpädagogik, mit der die außeruniversitäre und außerschulische Praxis fast von alleine zu einem ei- genen inhaltlichen Referenzpunkt der Erziehungs- wissenschaft wurde, gewann auch eine systemati- sche und wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Fragen der Fachlichkeit und Professionalität im (sozial-)pädagogischen Handeln an Bedeutung (Lüders 1989). Dabei war die Einführung universitärer Diplom- studiengänge keineswegs nur das Resultat einer fachlichen, sondern auch einer hochschulpoliti- schen Diskussion: Einerseits konnte mit einem sozialwissenschaftlich orientierten Diplomstu- diengang das Profil der Erziehungswissenschaft jenseits von Promotions- und Magisterstudiengän- gen gestärkt werden. Andererseits erhoffte man sich durch die universitäre Ausbildung eine stär- kere wissenschaftliche Durchdringung der (sozial-) pädagogischen Praxis (Rauschenbach /Otto 2002). Zu den Motiven zählte in den Anfängen aber ganz unübersehbar auch das Bestreben der damaligen Pädagogischen Hochschulen, durch den Diplom- studiengang einen Einstieg in die Vergabe univer- sitärer Hauptfachabschlüsse zu erreichen, um auf diesem Weg die Annäherung an den universitären Status zu erreichen (Langenbach et al. 1974, 48). Infolgedessen wurde der Diplomstudiengang Er- ziehungswissenschaft binnen weniger Jahre vor al- lem an den Pädagogischen Hochschulen einge- richtet, allerdings ohne zuvor den unterstellten Qualifizierungs- und Professionalisierungsbedarf mit der Praxis der Sozialen Arbeit zumindest kom- muniziert zu haben (Rauschenbach / Züchner 2000, 33). Konflikte, Konkurrenzen und wechsel- seitige Profilierungsbestrebungen zwischen den neu entstandenen Fachhochschulstudiengängen und dem sozialpädagogischen Schwerpunkt des erziehungswissenschaftlichen Diplomstudiengangs waren damit geradezu vorprogrammiert. Der Aka- demisierung der Sozialen Arbeit wurde damit eine ungelöste Frage der Hochschulpolitik im Neben- einander von Universitäten, Fachhochschulen, Pädagogischen Hochschulen und Gesamthoch- schulen in die Wiege gelegt, die bis heute nicht überwunden ist. Dabei dürfen die zwischenzeitli- chen Bemühungen, mit der Gründung von Ge- samthochschulen, Fachhochschulen und Univer-

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