Handbuch 5. Auflage
1818 Stauber · Walther so dass „Maßnahmeimporte“ scheitern oder sogar kontraproduktiv wirken können. „Lernen von den Anderen“ muss also Mechanismen der Pfadabhän- gigkeit berücksichtigen, wonach sich einzelne Pra- xisansätze nicht isoliert übertragen lassen. Der Ver- gleich ermöglicht aber sowohl nach „funktionalen Äquivalenten“ zu suchen, anhand derer sich ver- gleichbare Ziele erreichen lassen, als auch eigene Ziele und Normalitäten in Frage zu stellen. Die Pro- duktivität des Vergleichs liegt damit vor allem im ErkenntnisgewinndurchKontrastierung(Pohl/Wal- ther 2006). Übergänge in den Beruf in biographischer Perspektive Übergänge sind nicht nur strukturell, sondern auch aus der Subjektperspektive komplizierter ge- worden und werden für viele Jugendliche und junge Erwachsene zunehmend zum Planungs- und Orientierungsparadox: sich aktiv um die eigene berufliche Zukunft kümmern zu müssen, ohne sich wirklich handlungsfähig zu fühlen; planen zu sollen, permanent aber an die Grenzen von Plan- barkeit zu stoßen; sich zu orientieren, ohne wirk- lich zu wissen, woran und wohin. Dieses kann als ein wesentliches Resultat einer gesellschaftlichen Individualisierung, d. h. einer sukzessiven Verlage- rung von eigentlich gesellschaftlich zu bearbeiten- den Themen in den Zuständigkeitsbereich der In- dividuen, verstanden werden (Beck 1986; Böhnisch 2008) – ohne dass sichergestellt wäre, dass die In- dividuen auf die hierfür nötigen Ressourcen zu- rückgreifen können. In der Tat ist hierin auch der zentrale Mechanismus zu sehen, über den in spät- modernen Gesellschaften soziale Ungleichheit her- gestellt bzw. reproduziert wird. Die biographische Perspektive erkennt die Rele- vanz dieser Individualisierungs-Zumutung für die Lebenslagen von Jugendlichen und jungen Er- wachsenen an, aber auch die Wirkungen, die sie auf der Subjekt-Ebene hinterlässt: die Annahme, es sei möglich, die Regie über die eigene Über- gangsbiographie zu bekommen und zu halten, wenn man sich nur genügend bemüht, ist auf der Ebene individueller Selbstkonzepte angekommen: Selbststeuerung und Selbstorganisation sind zu Kernelementen spätmoderner Identitätsarbeit ge- worden (Keupp et al. 1999). Alle Jugendsurveys und Jugendstudien zeigen da- bei, dass Arbeit und Beruf einen zentralen Stellen- wert in den Lebensentwürfen junger Frauen und Männer einnehmen (Shell-Jugendstudie 2006; Eurobarometer 2007). Hierbei stehen keineswegs nur materielle und statusbezogene Aspekte von Ar- beit im Vordergrund, sondern auch soziale und selbstbezogene. Die große Mehrheit der Jugend- lichen ist sich außerdem dessen bewusst, dass sie ohne Ausbildung kaum Aussicht auf eine zufrie- denstellende Erwerbskarriere hat und dass ange- sichts der Knappheit und des Wettbewerbs auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt Kompromisse und Flexibilität notwendig sind (Stauber et al. 2007). Nun darf nicht aus dem Blick geraten, dass diese beruflichen Übergänge vielfach verzahnt sind mit einer ganzen Reihe von anderen Übergängen. Ein solchermaßen ganzheitlicher Blick auf das breite Spektrum an Lebensthemen ist eine zentrale Dimension der biographischen Perspektive auf Übergänge. So sind Übergänge in den Beruf eng verflochten mit: Übergängen in Bezug auf die Herkunftsfami- ■ ■ lie – und der Aufgabe, neue, alters- und lebens- lagengerechte Beziehungen zu den Eltern zu ent- wickeln. Verlängerte ökonomische Abhängigkeit und komplizierter gewordene Übergänge in den Beruf sind hier vielfach eine Herausforderung an die Gestaltung dieser Beziehungen (Liegle / Lü- scher 2003). Damit verbunden sind zeitlich verschobene ■ ■ Über- gänge in den Wohn- und Lebensformen , die häufig auf das „Nesthocker“-Phänomen eines verlänger- ten Verbleibs im Elternhaus (vor allem junger Män- ner; Papastefanou 2008) verkürzt werden. Ein Ge- genbeispiel wäre die ausbildungsbedingte Mobilität in entfernte Regionen (besonders unter ostdeutschen jungen Frauen; Bock 2008). Der in- ternationale Vergleich zeigt, dass unterschiedliche Faktoren hier zusammenwirken: von früher öko- nomischer Selbstständigkeit über das Bestehen ei- nes Mietwohnungsmarktes, über gender-bezogene Stile im Umgang der Eltern mit ihren Söhnen und Töchtern bis hin zum allgemeinen Anspruch auf staatliche Unterstützung. Auch ■ ■ Übergänge zu eigenen Liebesbeziehungen und stabilen Partnerschaften finden häufig zeit- gleich mit (Aus-)Bildungsentscheidungen statt und können zu beruflichen Plänen in Widerspruch
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