Handbuch 5. Auflage

Berufs- und Professionsgeschichte der Sozialen Arbeit  183 sitäten miteinander zu verbinden, nicht außer Acht gelassen werden, auch wenn diese Bemühungen in- zwischen wieder vergangen sind. An mehreren Standorten ist es jedoch bei einem „einseitigen“ Versuch geblieben – nur der Fachhochschulstu- diengang wurde implementiert –, bei einigen Standorten führten die dementsprechenden Bemü- hungen letztlich zu einer Ausstattung mit „vollaka- demischen“ Studiengängen für Soziale Arbeit, nachdem die Gesamthochschulen vollständig in Universitäten überführt wurden (z. B. an den Uni- versitäten Siegen, Kassel oder Duisburg-Essen). Dennoch wurde mit der Einführung des universitä- ren Diplomstudiengangs und der zeitgleichen Gründung von Fachhochschulen die Entwicklung der Ausbildungslandschaft auf dem Weg zur Aka- demisierung der Sozialen Arbeit vorläufig abge- schlossen. Indem man zwei unterschiedliche Moda- litäten der Ausbildung in Sozialer Arbeit im Hochschulsystem etablierte, wurde jedoch nicht nur die akademische Ausbildungsfrage geklärt, sondern zugleich wurde dadurch – bis heute vielfach über- sehen oder unterschätzt – ein eigenes wissenschaft­ liches Koordinatensystem etabliert – ein eigenes wissenschaftliches Fachgebiet der Sozialen Arbeit in- nerhalb des Wissenschaftssystems und innerhalb der wissenschaftlichen Disziplinen, vor allem als Teil- gebiet der Erziehungswissenschaft (Rauschenbach 2000). Erstmals wurde in den 1970er Jahren damit für die Soziale Arbeit in nennenswertem Umfang ein wissenschaftlicher Ort geschaffen, der sich nicht nur wissenschaftliche Ausbildung und Qualifika- tion, nicht nur Lehre und Studium zur Aufgabe machte, sondern auch empirische Forschung und Selbstbeobachtung, Theorie und Reflexion, d.h. die fachwissenschaftliche Weiterentwicklung der Sozia- len Arbeit selbst. Mit der Akademisierung der Sozia- len Arbeit ging damit zugleich ein Schub in Sachen Professionalisierung und Verwissenschaftlichung einher. Die gesellschaftliche Rahmung der Entwicklung Die Entwicklung der Ausbildungsstrukturen, die Einrichtung der Studiengänge und die massen- hafte Nachfrage eines solchen Studienangebots ist unterdessen nicht allein durch hochschulpoliti- sche Initiativen erklärbar und auch nicht allein auf Forderungen von Protagonisten des Fachs oder von Berufsverbänden zurückzuführen, die in Deutschland seit Ende des Zweiten Weltkriegs im Feld der Sozialen Arbeit keine bedeutende politi- sche Rolle mehr gespielt haben. Entsprechende Erklärungsversuche werden deshalb immer auch den gesellschaftlichen Hintergrund und die ge- sellschaftlichen Rahmenbedingungen in den Blick nehmen müssen sowie damit auch den Blick auf gesellschaftlich durchgesetzte Bedarfe zu richten haben. Wie der Erste Weltkrieg – oder genauer: wie die vielfältigen Notlagen nach dem Ersten Weltkrieg und die sozialpolitischen Anstrengun- gen in der Weimarer Republik zu zentralen Ein- flussfaktoren in der Entwicklung sozialpädagogi- scher Berufsbilder wurden –, so muss auch die Nachkriegssituation in der aufstrebenden Bundes- republik sowie die gesellschaftliche Situation Ende der 1960er / Anfang der 1970er Jahre als eine wesentliche Einflussgröße beachtet werden. Diese Situation kontextualisiert erst die Entste- hung und Entwicklung der Sozialen Arbeit zwi- schen Akademisierung und Verwissenschaftli- chung auf den verschiedenen Ebenen angemessen und macht sie verstehbar. Eine in den 1960er Jahren in Gang gekommene umfassende Bildungsreform sowie der Versuch ei- ner wissenschaftlichen Durchdringung aller Le- bensbereiche wurde – zusammen mit einer ge- wachsenen (sozial-)politischen Aufmerksamkeit für soziale Fragen, für Benachteiligung und Un- gleichheit, die zu diesem Zeitpunkt aufgrund der finanziellen günstigen Lage der öffentlichen Haus- halte noch politische Handlungsoptionen eröff- nete – zum mentalen Referenzpunkt und zur we- sentlichen Triebfeder des umfangreichen Ausbaus des Hochschulwesens und zur Einrichtung von neuen Studiengängen, und zwar flankiert von ei- nem dezidierten politischen Willen zu Investitio- nen in Bildung. Die Akademisierung der Sozialen Arbeit ist mithin sowohl ein „Kind der Bildungs- reform“ als auch das Resultat einer gesellschaftli- chen Modernisierung und einer sich wandelnden Mentalität. Diese Haltung führte dazu, dass eine politisch aufgeklärte Öffentlichkeit, soziale Bewe- gungen und eine kritischer gewordene Politik das Ende einer Tabuisierung, Naturalisierung, Indivi- dualisierung oder Somatisierung sozial induzierter Problem- und Lebenslagen einläutete.

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