Handbuch 5. Auflage
1820 Stauber · Walther greift damit auf, was Giddens (1988) die Dualität von Struktur nennt: ein Handeln ermöglichender, Handeln strukturierender, aber durch Handeln selbst auch wieder hervorgebrachter dynamischer Zusammenhang. Dieser dialektische Zusammen- hang lässt sich beispielhaft an Prozessen des „doing gender“ aufzeigen (Gildemeister 2004): Vor dem Hintergrund dessen, dass junge Frauen und Männer oft sehr unterschiedlich in Verantwortlichkeiten eingebunden sind, liegt der Rückgriff auf „Gender- typisches“ in der Bewältigung der Dilemmata, die durch die Teilübergänge entstehen können, oft nä- her als das Betreten und Erproben neuer und unge- sicherter Wege. Nichtsdestotrotz findet auch dieses statt (Schittenhelm 2005). Berufsbezogene Lebensbewältigung besteht im Kern darin, einen subjektiv stimmigen Weg zwi- schen Anpassung an gegebene Möglichkeiten und der Umsetzung eigener Vorstellungen zu finden. Hinzu kommt Flexibilität im Hinblick auf Ausbil- dungsinhalte, räumliche Mobilität im Hinblick auf regional ungleiche Ausbildungsmärkte, Frustrati- onstoleranz in Bezug auf nicht umsetzbare Berufs- pläne. Die im Subtext mitlaufende Anforderung besteht darin, sich durch Brüche in der Übergangs- biographie nicht demotivieren zu lassen, sondern als Anlass für Neuorientierung zu begreifen. Moti- vation zu mobilisieren und aufrechtzuerhalten wird geradezu zu einer Grundvoraussetzung, um gegen die vielfältigen Rückschläge auf dem Weg in Aus- bildung und Arbeit gewappnet zu sein (Stauber et al. 2007). In der im Kontext von Individualisierung per- manenten Erwartung, die eigenen berufsbezogenen Entscheidungen und biographischen Entwicklun- gen zu erklären und zu begründen (Burkart 2006), liegen die Ebenen einer strukturellen Anforderung und eines Selbstanspruchs sehr nahe beieinander: was von außen als Zwang zur Selbstbegründung wirkt, geht einher mit dem Bedürfnis nach kom- petenter Selbstdarstellung – nicht nur vor der Er- wachsenenwelt, sondern auch in Gleichaltrigenbe- ziehungen. Die Anforderung der Begründbarkeit steht in Verbindung mit dem Anspruch, mit Teilauto- nomien kompetent umgehen zu können, die zum Beispiel daraus resultieren, dass sich der Verbleib in der Herkunftsfamilie aufgrund schwieriger Übergänge in den Beruf verlängert. „Verselbst- ständigung“ muss immer wieder neu zwischen den Generationen ausgehandelt werden – ein mehr oder weniger verdecktes Geschlechterthema, insofern hier vielfach geschlechterbezogene Er- wartungen und Verantwortlichkeiten hin- und hergeschoben werden: Immer mehr junge Män- ner und vor allem junge Frauen bekommen nicht nur, sondern leisten familiäre Unterstützung (Stauber / Bois-Reymond 2006). Die Übernahme von Verantwortung erweist sich als ein Balance-Thema, denn gleichzeitig müssen junge Frauen und Männer zunehmend auch für sich selbst Verantwortung übernehmen. Selbst- organisation wird zum Credo einer ganzen Genera- tion, wozu gehört, den eigenen Unterstützungs- bedarf zu erkennen und sich selbsttätig Hilfe zu organisieren. Dies bezieht sich auf institutionelle Hilfesysteme genauso wie auf die Organisation ei- gener (informeller) Netzwerke. Damit lassen sich Gegengewichte schaffen zum individualisierten Zurechtkommen, allerdings können Netzwerke auch limitierend wirken (Pohl et al. 2005). Die Ambivalenzen entstandardisierter Übergänge sind als biographische Dilemmata zu beschreiben, ohne deren Verständnis sich die Strategien, anhand derer junge Frauen und Männer versuchen, ihre Übergänge in den Beruf zu bewältigen, nicht ana- lysieren lassen. (Mindestens) vier Handlungsprin- zipien sind als Voraussetzungen für subjektiv trag- fähige Bewältigungsstrategien zu nennen: Wählen ■ ■ zu können als kulturelle Selbstverständ- lichkeit der Lebensführung in individualisierten Ge- sellschaften, die Identifikation mit dem eigenen Lebensentwurf ermöglicht, gleichzeitig aber Orien- tierung voraussetzt; Optionen offen zu halten ■ ■ im Sinne biographischer Flexibilität für den Fall, dass sich bessere Ausbil- dungs- oder Erwerbschancen als die momentan verfügbaren auftun, oder aber die institutionell versprochenen Integrationsverheißungen nicht er- füllen sollten; die ■ ■ Vereinbarkeit des Übergangs in den Beruf mit anderen Lebensbereichen und Teilübergängen, nicht nur zwischen (Herkunfts- oder eigener) Fami- lie und Beruf, sondern auch zwischen Geldverdie- nen, Ausbildung und den Erwartungen der Gleich- altrigen, was auch Selbstinszenierungen ■ ■ einschließt im Sinne des Ausprobierens von Ausdrucksformen, mit denen jugendkulturelle und berufliche Anforderungen
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