Handbuch 5. Auflage
1825 Unterschiedliche Disziplinen diskutieren in den letzten zehn Jahren zunehmend über Vertrauen. So- ziologie, Philosophie, Politik, Psychologie, Wirt- schafts- und Erziehungswissenschaften beschäftigen sich mit den Voraussetzungen, Erscheinungsformen undWirkungen von Vertrauen (z.B. Bartmann et al. 2013; Hartmann 2011; Möller 2012; Schweer 2012). Entsprechend dieser disziplinären Vielfalt und ihrer jeweiligen Verwendungskontexte differie- ren Fragestellungen bzw. ist die Konzeptualisierung von Vertrauen sehr unterschiedlich. Ein integrieren- des Konzept, das die verschiedenen Ansätze zusam- menzuführen versucht, steht bislang noch aus. Auch die Soziale Arbeit kommt nicht umhin, sich mit der Kategorie Vertrauen und deren Relevanz für die So- ziale Arbeit auseinanderzusetzen. Vertrauen wird in der Sozialen Arbeit eine hohe Bedeutung zugespro- chen. Allerdings hat die postulierte Relevanz des Be- griffs theoretisch und empirisch kaum Konsequen- zen. Theoretische Auseinandersetzungen und empirische Studien zur Erforschung von Vertrauen sind in der Sozialen Arbeit bislang wenig vorhanden (Ausnahmen bilden hierzu Wagenblass 2004; Ar- nold 2009 sowie die Arbeiten des DFG-geförderten Wissenschaftlichen Netzwerks „Bildungsvertrauen – Vertrauensbildung“: Tiefel/Zeller 2012; Bartmann et al. 2013). Ausgehend von sozialwissenschaftlichen Vertrauens- konzepten soll im Folgenden in einem ersten Schritt eine theoretische Annäherung an den Vertrauensbe- griff erfolgen. Hierbei wird zwischen unterschiedli- chen Formen von Vertrauen unterschieden, und zwar dem generalisierten Vertrauen oder Systemver- trauen , dem spezifischen Vertrauen , das den Professio- nellen als VertreterInnen gesellschaftlicher Instituti- onen entgegengebracht wird, sowie einem persönli- chen Vertrauen in intimen Beziehungen. In einem zweiten Schritt sollen dann die Erkennt- nisse der (wenigen) vorhandenen empirischen Stu- dien zu Vertrauen in der Sozialen Arbeit systemati- siert und reflektiert werden. Unterschieden werden dabei drei Ebenen, auf denen die Bedeutsamkeit von Vertrauen in der Sozialen Arbeit aktuell disku- tiert wird. Auf der Makroebene geht es zentral um die gesamtgesellschaftlichen Veränderungsprozesse und die zunehmende Abhängigkeit von Experten- systemen und Institutionen, dem Systemvertrauen. Auf der Mesoebene wird das Vertrauen in interpro- fessionellen Kooperationen diskutiert, d. h. dem Vertrauen zwischen den verschiedenen Institutio- nen, die die AdressatInnen im Alltag unterstützen und begleiten (Soziale Arbeit, Bildungs- und Ge- sundheitswesen usw.). Und auf der Mikroebene schließlich wird Vertrauen als ein Moment disku- tiert, das die Interaktion und Beziehung zwischen den Professionellen und den AdressatInnen in der Sozialen Arbeit wesentlich bestimmt. In den For- schungen zu Vertrauen in der Sozialen Arbeit wird insbesondere die Mikroebene, die Beziehungs- ebene, in den Mittelpunkt gestellt. Anschließend werden zwei Aspekte aufgegriffen, die zunächst kontraproduktiv für eine vertrauens- volle Beziehung zwischen Professionellen und Ad- ressatInnen scheinen, nämlich der Umstand einer asymmetrischen Machtbeziehung zwischen Profes- sionellen und AdressatInnen in der Sozialen Arbeit sowie der Tatsache, dass viele Arbeitsbündnisse vonseiten der AdressatInnen nicht freiwillig, son- dern aufgrund von Zwang und Druck durch Dritte eingegangen werden. Zwang und Vertrauen schlie- ßen sich jedoch gegenseitig aus, insofern stellt sich die Frage, ob und wie es in machtasymmetrischen Beziehungen und Zwangskontexten gelingen kann, Vertrauen aufzubauen und zu festigen. Abschließend werden die Herausforderungen für die Auseinandersetzung mit Vertrauen als zentraler Kategorie der Sozialen Arbeit diskutiert. Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4az.art010, © 2013, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH & Co KG, Verlag, München Vertrauen Von Sabine Wagenblass
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