Handbuch 5. Auflage

1826 Wagenblass  Theoretische Grundlagen Sozialwissenschaftliche Ansätze der Vertrauensfor- schung gehen allgemein von der Annahme einer gestiegenen Bedeutung von Vertrauen in moder- nen Gesellschaften aus. Die Grundthese dieser An- sätze (z. B. Giddens 1995; Luhmann 1989) besagt, dass im Zuge der Modernisierung der Gesellschaft und der zunehmenden Ausdifferenzierung gesell- schaftlicher Teilsysteme und Expertensysteme Ver- trauen nicht mehr nur in persönlichen Beziehun- gen, sondern auch auf der Ebene gesellschaftlicher Institutionen bzw. Expertensysteme wirksam wird. Vertrauen wird dabei zunehmend zu einer Katego- rie, deren Bedeutung man sich für den Zusammen- halt der Gesellschaft bewusst zu machen und zu versichern sucht (Heisig 1997, 121). Luhmann (1989) begreift Vertrauen als Scharnier zwischen unterschiedlichen Systemen, das in der Lage ist, Komplexität zu reduzieren, Erwartungen zu stabilisieren und dadurch Handlungsmöglich- keiten systemisch zu erhöhen. Zentraler Ausgangs- punkt seiner systemtheoretischen Überlegungen ist die Annahme, dass Vertrauen eine notwendige Res- source moderner Gesellschaften darstellt, die not- wendig ist, um deren Bestand zu sichern, da die Komplexität und die Überfülle an Informationen, die durch die Teilsysteme moderner Gesellschaften erzeugt werden, vom Einzelnen nicht mehr voll- ständig zu verarbeiten sind. „Für jede Art realer Systeme in der Welt, (…) ist die Welt übermäßig komplex: Sie enthält mehr Möglichkeiten als die, auf die das System sich erhaltend reagieren kann“ (Luhmann 1989, 5). Das heißt, die Welt ist offen strukturiert, lässt also theoretisch mehr Möglich- keiten der Systembildung zu, als praktisch Wirk- lichkeit werden können. Die sich daraus ergebende Komplexität und Informationsdichte wird durch Vertrauen reduziert, indem eine Anzahl bestimm- ter Kombinationen ausgewählt und andere Kombi- nationen ausgeschlossen werden. Erst durch diese Selektionsleistung können Individuen trotz der un- überschaubaren Vielfalt an Kombinationsmöglich- keiten entscheidungs- und handlungsfähig bleiben. „Wo es Vertrauen gibt, gibt es mehr Möglichkeiten des Erlebens und Handelns, steigt die Komplexität des sozialen Systems, (…), weil im Vertrauen eine wirksame Form der Reduktion von Komplexität zur Verfügung steht“ (7 f.). Die Reduktion besteht demnach darin, dass durch Vertrauen bestimmte zukünftige Handlungs- und Entwicklungsmög- lichkeiten von Personen oder Systemen ausge- schlossen bzw. als gering angenommen werden, wodurch Gefahren, die in hoch differenzierten Ge- sellschaften nicht ausgeräumt werden können, handhabbarer gemacht werden. Indem sich die In- dividuen zur Vertrauensgabe in bestimmte Systeme oder Personen entschließen, selektieren und antizi- pieren sie in positiver Weise deren zukünftige Ent- wicklung bzw. Handlung, obwohl ein Risiko be- steht, dass die Erwartung enttäuscht wird und die ausgeschlossenen Ereignisse in der Zukunft doch eintreten könnten. Luhmann (23) fasst deshalb die Vertrauensgabe ge- nerell als „Problem der riskanten Vorleistung “. Der Akteur, der Vertrauen schenkt, bringt stets eine ris- kante Vorleistung, und zwar in der Hoffnung, dass die damit verbundenen Erwartungen in der Zu- kunft erfüllt werden. Die Vertrauenden überziehen die ihr gegenwärtig zur Verfügung stehenden Infor- mationen und verhalten sich so, als ob sie der Zu- kunft gewiss wären, obwohl der zur Verfügung stehende Informationsstand diesen eindeutigen Schluss nicht zulässt. Vorwissen und eigene direkte oder vermittelte indirekte Erfahrungen aus der Ver- gangenheit werden überformt und wirken sich je nach Art der Erfahrungen positiv oder negativ auf zukünftige Entscheidungen bezüglich der Vertrau- ensgabe aus (20 f.). Vertrauen erweitert zwar einerseits die individuelle Handlungsfähigkeit in einem komplexen System, da dem Vertrauenden dadurch zahlreiche Möglich- keiten zur Reaktion auf spezifische Ereignisse zur Verfügung stehen. Andererseits aber müssen mit der Vertrauensgabe auch riskante Vorleistungen er- bracht werden. „Vertrauen reduziert soziale Kom- plexität, vereinfacht also die Lebensführung durch Übernahme eines Risikos“ (78). Obwohl Vertrauen konstitutiv für moderne Gesellschaften ist, kann es nicht einfach verlangt oder normativ vorgeschrie- ben werden, vielmehr wird Vertrauen stets freiwil- lig erwiesen. In der strukturalistischen Sichtweise von Giddens (1995) stellt Vertrauen eine grundlegende Struk- turkategorie moderner Gesellschaften dar. Wäh- rend bei Luhmann die Frage nach der sozialen Funktion von Vertrauen in modernen, funktional ausdifferenzierten Gesellschaften im Zentrum der Analyse steht, hebt Giddens die Notwendigkeit von Vertrauen in modernen Gesellschaften hervor. Die

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