Handbuch 5. Auflage
Vertrauen 1827 zunehmende Bedeutung von Vertrauensbeziehun- gen begründet sich in erster Linie in den veränder- ten Formen sozialer Beziehungen. Während in frü- herenGesellschaftsformationensozialeBeziehungen durch Verwandschaftssysteme, regionale Gemein- schaften, Religion und Traditionen in lokale Kon- texte eingebunden waren, lösen sich diese Interak- tionen in der Moderne von ihren direkten persönlichen und räumlichen Bezügen und erstre- cken sich zunehmend auf fremde Personen und abstrakte Systeme. Die traditionellen Gewissheiten brechen auf und von den Individuen wird zuneh- mend die Bereitschaft gefordert, sich dem Wissen abstrakter Systeme auszusetzen. Der Einzelne kann sich dem Vertrauen in solche Expertensysteme nicht entziehen, da die komplexen Zusammen- hänge des Lebens in ihrer Gesamtheit nicht mehr überschaubar sind, und die Individuen tagtäglich mit Entscheidungen konfrontiert sind, die sie auf- grund eines Informations- und Wissensdefizits nicht vollständig überblicken und kontrollieren können. Sie müssen auf die Funktionsfähigkeit und das Wissen der Expertensysteme vertrauen. Durch ein solches Vertrauen wird die Kontrolle über die nicht überschaubaren Zusammenhänge des Lebens in der Moderne von den Individuen auf die jeweiligen Expertensysteme übertragen. Als Ex- pertensysteme begreift Giddens (40 f.) „Systeme technischer Leistungsfähigkeit oder professioneller Sachkenntnis, die weite Bereiche der materiellen und gesellschaftlichen Umfelder, in denen wir heute leben, prägen“ und nicht nur lokal, sondern über Raum-Zeit-Spannen hinaus global gelten. Die Individuen stehen dadurch nicht mehr in di- rektem Zusammenhang mit ihren Lebensbedin- gungen- Vielmehr sind diese eingebunden in ein Netz von Fachwissen, welches das Leben Raum- Zeit-übergreifend strukturiert. Der Einzelne hat heutzutage weder einen unmittelbaren Bezug zu den Quellen seiner Reproduktion noch kann er aufgrund des fehlenden Fachwissens entscheiden- den Einfluss nehmen auf das Funktionieren spezi- fischer Expertensysteme, mit denen er in seinem Alltag in kontinuierlicher Weise konfrontiert wird. Das Fehlen vollständiger Informationen und um- fassenden Wissens ist somit eine Hauptbedingung für das Vertrauenserfordernis in der Moderne. Die Individuen vertrauen darauf, dass die abstrak- ten Systeme und deren VertreterInnen aufgrund ihrer Fachkenntnisse in der Lage sind, den ihr zugewiesenen gesellschaftlichen Aufgabenbereich hinreichend zu erfüllen, zu kontrollieren und zu überprüfen. Vertrauen umschreibt für Giddens den funktional notwendigen Kontroll- und Wissens- verzicht der Individuen, damit sie trotz der Raum- Zeit-übergreifenden Strukturierung des Lebens, den Risiken der Moderne und des Mangels an Wis- sen über die eigenen Existenzbedingungen hand- lungs- und entscheidungsfähig bleiben. Die Expertensysteme, derer sich die Individuen im Alltag bedienen (müssen), wirken sich auf alle Le- bensbereiche aus. Das bisher skizzierte Vertrauen ist zunächst ein allgemeines Vertrauen, das sich nicht auf einzelne Personen bezieht, sondern auf das Funktionieren der abstrakten Systeme abzielt. Das heißt, die Individuen vertrauen auf die Stabi- lität der symbolischen Zeichen bzw. des Experten- wissens sowie auf die Kontinuität ihrer Geltung. Neben dieser Form des Vertrauens existiert ein Vertrauen, das einzelnen ExpertInnen und ihrer individuellen Glaubwürdigkeit entgegengebracht wird. Beim Aufbau von Vertrauensbeziehungen unterscheidet Giddens (1995, 103) deshalb zwei grundlegende Formen von Beziehungen: facework commitments (gesichtsabhängige Beziehungen) und faceless commitments (gesichtsunabhängige Beziehungen). Bei facework commitments werden Vertrauensbe- ziehungen durch Kopräsenz der Beteiligten herge- stellt. Kopräsenz ist mehr als Präsenz, mehr als bloße Anwesenheit. Die Einzelnen müssen deut- lich das Gefühl haben, dass sie einander nahe ge- nug sind, um sich gegenseitig wahrzunehmen bei allem, was sie tun (Goffman 1971, 28). Die Be- ziehung ist durch Nähe und Vertrautheit der Be- teiligten bestimmt. Dadurch werden die facework commitments zu quasi-personalisierten sozialen Beziehungen. Der Glaube in abstrakte Systeme dagegen entwi- ckelt sich mittels faceless commitments . Dieses Ver- trauen wird nicht in Individuen, sondern in die prinzipielle Leistungsfähigkeit von Expertensyste- men und deren Fachwissen gesetzt. Entsprechend dieser Unterscheidung differieren auch die Bewertungsgrundlagen für Vertrauen von personenabhängigen Bewertungen, d. h. Beurtei- lungen bzw. Unterstellungen, die sich auf die Kompetenzen und fachlichen Fähigkeiten der Ver- treterInnen der Institutionen beziehen, und perso nenunabhängige Bewertungen, d. h. Beurteilungen,
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