Handbuch 5. Auflage
184 Rauschenbach · Züchner Neujustierung durch die Umstrukturierung von Studien- gängen Nicht als fachliche Weiterentwicklung, sondern von „außen“ angestoßen hat der mit dem Bologna- Prozess eingeleitete Umbau der Studienstrukturen in Deutschland das Koordinatensystem für die So- ziale Arbeit erneut geändert. Ohne Berücksichti- gung fachlicher oder professioneller Aspekte und ohne Beachtung entsprechender Arbeitsmarktana- lysen wurden von politischer Seite mit dem Ziel der Angleichung europäischer Studienstrukturen die an Universitäten und Fachhochschulen etab- lierten Diplomstudiengänge durch ein Bachelor- und Masterstudiensystem ersetzt. Diese Umstel- lung ist an den Hochschulen auch in der Sozialen Arbeit und der Erziehungswissenschaft mittlerweile abgeschlossen. Inzwischen finden sich Bachelor- studiengänge der Sozialen Arbeit an etwa 60 Stand- orten (überwiegend an Fachhochschulen) und der Erziehungswissenschaft an ca. 30 Standorten (Uni- versitäten und Pädagogische Hochschulen; Stand Wintersemester 2009 / 2010). Hinzu treten die Masterstudiengänge, die teilweise breit auf Soziale Arbeit bzw. Erziehungswissenschaft bezogen sind, teilweise aber auch sehr spezialisierte Vertiefungs- möglichkeiten anbieten. Der Bologna-Prozess verlagerte die Aufmerksam- keit erneut auf die Frage, ob es im Zuge der An- gleichung von Studiengängen und Studiengangs- bezeichnungen zwischen BA- undMA-Abschlüssen sowie der Einrichtung von Akkreditierungsagentu- ren zu einer Egalisierung von Universitäten und Fachhochschulen kommen würde. Inwieweit die Soziale Arbeit von dieser allgemeinen Entwicklung profitiert oder unter dem Strich doch Gefahr läuft, über die Verbreitung von BA-Abschlüssen als Re- gelabschluss evtl. errungenes Terrain innerhalb des Wissenschaftssystems wieder zu verlieren, ist noch nicht abschließend zu beurteilen. Deutlich wird aber, dass im Bereich der Masterstu- diengänge in Sozialer Arbeit vorerst nur wenig voll- akademische Angebote vorhanden sind und diese bislang zumeist als Berufs- und Weiterqualifizierun- gen genehmigt werden. Zudem ist festzustellen, dass die Soziale Arbeit an den Universitäten, an denen sie durch die Studienrichtung Sozialarbeit/Sozialpäd agogik imDiplomstudiengang maßgeblich vertreten war, im Bachelorstudiengang schon aufgrund der eingeschränkten Studieninhalte deutlich an Bedeu- tung verloren hat (Horn et al. 2008). Schließlich haben aufgrund der neuen Zeitstrukturen und der Verdichtung der Studiengänge auch die fachprakti- schen Ausbildungsanteile in allen akademischen Ausbildungsformen abgenommen. Formal ist mit den neuen Abschlüssen an Fachhochschulen und Universitäten eine Gleichstellung erreicht, da jeder Bachelorabschluss – unabhängig vom Ausbildungs- standort – formal für den Übergang in einen Mas- terstudiengang qualifiziert. Die nach wie vor unge- lösten Nebenwirkungen sind aber noch nicht abschließend geklärt. Mit Blick auf die Akademisierung der Sozialen Arbeit ist im Zuge dieser großen Studienreform darüber hinaus noch ein neues Element hinzuge- kommen. Als Ergebnis einer intensiver geworde- nen Diskussion um eine Akademisierung der Er- zieher(innen)ausbildung (Diller / Rauschenbach 2006) ist es im Bereich „Bildung und Erziehung in der Kindheit“ (bzw. einem inhaltlich vergleich- baren Namen) in wenigen Jahren zu einer breiten Etablierung von entsprechenden Bachelorstu- diengängen und einigen wenigen Masterstudien- gängen gekommen, an mittlerweile rund 60 Standorten, davon knapp zwei Drittel an Fach- hochschulen (WiFF 2009). Soziale Arbeit als Beruf – eine Bilanz Seit 1970 hat sich das Feld der sozialen Berufe er- kennbar dynamisiert. Nur wenige Branchen dürften mit Blick auf ihre Berufsbilder und -abschlüsse ei- nen so starkenWandel und eine so nachhaltige Aus- weitung vollzogen haben. Die sozialen Berufe haben sich im Zuge dessen zu einem eigenständigen gesell- schaftlichen Teilbereich entwickelt und dabei zu- gleich eine zahlenmäßige Größe auf dem Arbeits- markt sowie eine qualitative Steigerung in puncto Fachlichkeit erreicht, die – gemessen an ihren Aus- gangswerten und Rahmenbedingungen – beacht- lich ist und keineswegs so zu erwarten war. Aller- dings kann die Soziale Arbeit trotz deutlicher Verbesserungen immer noch nicht jene professionelle Autonomie für sich beanspruchen, die für eine fach- lich qualifizierte Gestaltung des Aufgabenbereichs notwendig erscheint. Als anstehende Herausforderungen für die sozialen Berufe können folgende Themen festgehalten wer- den:
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