Handbuch 5. Auflage
Berufs- und Professionsgeschichte der Sozialen Arbeit 185 Auch innerhalb der sozialen und sozialpädagogi- ■ ■ schen Berufe wird sich künftig die Frage der inter nationalen Vergleichbarkeit der unterschiedlichen Ausbildungen stellen, die mit der Einführung von Bachelor-/Masterabschlüssen noch keineswegs be- antwortet ist. Hier könnten auch die Debatten um einen „Europäischen Qualifikationsrahmen“ (EQR) eine Rolle spielen. Gleichzeitig hat der nationale Transformationsprozess der Hochschulstudiengänge mit Blick auf das lokale Angebot zu einer neuen Un- übersichtlichkeit im Feld der sozialen Berufe geführt. Damit werden erneut die nie zufriedenstellend ge- ■ ■ klärten Fragen einer aufeinander abgestimmten Ausbildungsreform der unterschiedlichen Qualifika- tionsprofile auf der einen Seite sowie des Verhältnis- ses der unterschiedlichen Ausbildungsniveaus von Universität, Fachhochschule, Fachschule und Berufs- fachschule auf der anderen Seite aufgeworfen. Aber auch deren Zusammenspiel mit Blick auf Durchlässig keit und Übergangsmöglichkeiten sowie einer teil weisen oder generellen Integration in ein gemeinsa mes Ausbildungskonzept ist nach wie vor ein Thema. Mit einer zukunftsoffenen Perspektive muss die ■ ■ Entwicklung neuer Hochschulstudiengänge im Be- reich der Frühpädagogik und deren Nebenwirkun- gen auf die bestehenden sozialpädagogischen An- gebote beobachtet werden. In seinemAusmaß und seiner Dynamik erinnert der gegenwärtige „Aus- bildungsboom“ in der Frühpädagogik an die Grün- derjahre Anfang der 1970er Jahre in der Sozialpäd agogik / Sozialarbeit. Mit der Verschiebung der Altersstruktur in der Be- ■ ■ völkerung wird es auch innerhalb der sozialen Be- rufe zu einer weiteren Veränderung der Personal- struktur kommen. So wird in den nächsten Jahren der Personalbedarf in den sozialen Berufen im Hin- blick auf das erste Lebensjahrzehnt ebenso zuneh- men wie – in Anbetracht der wachsenden Zahl äl- terer Menschen – im Bereich der Altenpflege. Insgesamt ist davon auszugehen, dass sich die Al- tersstruktur – im Unterschied zu der lange Zeit do- minierenden Jugendlichkeit – innerhalb der sozia- len Berufe weiter nach hinten verschieben wird. Schließlich wird in dem Maße, wie die Verteuerung ■ ■ personalintensiver Dienstleistungsberufe und ein verstärkter Finanzierungswettbewerb in den Ar- beitsfeldern der Sozialen Arbeit weiter voranschrei- tet, auch eine Neujustierung zwischen den sozialen Berufen die Folge sein, sodass angestammte Tradi- tionen in einzelnen Arbeitsfeldern, tarifliche Sicher- heiten und eingespielte Gewohnheitsrechte ohne den Nachweis der eigenen Fachlichkeit immer we- niger wahrscheinlich werden. Soziale Berufe sind zu einem wichtigen Bestandteil der gesellschaftlichen Grundversorgung mit Blick auf öffentliche Erziehung und personenbezogene soziale Dienste geworden. Sie haben infolgedessen auch in der Ausbildung und auf dem Arbeitsmarkt deutlich an Bedeutung gewonnen. In ihrem Profil und ihrer Existenz verkörpern soziale Berufe die Entwicklung einer wohlfahrtsstaatlichen Dienstleis- tungsgesellschaft und einen Wandel der Moderne. Darin hat fachlich qualifiziertes Personal – vor allem Frauen – Aufgaben der Bildung, Betreuung und Er- ziehung, der Sorge, der Pflege und der sozialen Hilfe zu seinem Beruf gemacht. Eine unübersichtlicher und ungewisser gewordene Gesellschaft des 21. Jahr- hunderts versucht durch soziale Dienste und öffent- liche Erziehung jenes Maß an Bildung, Identität und sozialer Integration sicherzustellen, das sich in den privaten Lebenswelten der Menschen offenbar nicht mehr von alleine und nicht für alle gleicherma- ßen sicherstellen lässt. Literatur Amthor, R.C. (2003): Die Geschichte der Berufsausbildung in der Sozialen Arbeit. Auf der Suche nach Professionalisie- rung und Identität. Juventa, Weinheim/München Autorengruppe Bildungsberichterstattung (Hrsg.) (2010): Bildung in Deutschland 2010. Ein indikatorengestützter Bericht mit einer Analyse zu Auswirkungen der demogra- fischen Entwicklungen auf das Bildungswesen. W. Bertels- mann, Bielefeld Bommes, M., Scherr, A. (2000): Soziologie der Sozialen Ar- beit. Eine Einführung in Formen und Funktionen organi- sierter Hilfe. Juventa, Weinheim/München BMBF (Bundesministerium für Bildung und Forschung) (2009): Berufsbildungsbericht 2009. In: www.bmbf.de/ pub/bbb_09.pdf , 13.04.2010 Derschau, D. v. (1976): Die Ausbildung der Erzieher für Kindergarten, Heimerziehung und Jugendarbeit. Diss. Universität Marburg Diller, A., Rauschenbach, Th. (Hrsg.) (2006): Reform oder Ende der Erzieherinnenausbildung? Beiträge zu einer kon- troversen Fachdebatte. DJI, München Erning, G., Neumann, K., Reyer, J. (Hrsg.) (1987): Ge- schichte des Kindergartens. Bd. 1: Entstehung und
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