Handbuch 5. Auflage

1847 Wirksamkeit Von Stefanie Albus, Heinz-Günter Micheel und Andreas Polutta Begriffe wie Wirkungen, Effekte und Ergebnisse finden sich etwa seit der Wende zum einundzwan- zigsten Jahrhundert vermehrt in konzeptionellen, politischen, empirischen und analytischen Beiträgen und Veröffentlichungen zur Sozialen Arbeit. Jedoch verweist der Begriff der Wirksamkeit jenseits seiner aktuellen Konjunktur auch auf eine tiefe Verwurze- lung im sozialpädagogischen Denken und Handeln. Mit Bezug auf pädagogisches Handeln ist Wirksam- keit durchaus als sozialpädagogische Kategorie im Sinne einer konstitutiven Zielorientierung anzuse- hen, die sowohl in historischer Perspektive als auch in zeitgenössischen sozialpädagogischen Konzepten zu finden ist (Lüders /Haubrich 2006). Als Refe- renzpunkt sozialpädagogischen Handelns wird „Wirksamkeit“ in einer professionstheoretisch-funk- tionalistischen Perspektive gegenüber der wissen- schaftlich-disziplinären Ausrichtung auf Erkenntnis, Richtigkeit oder „Wahrheit“ ausgemacht (Mer- ten/Olk 1996). In den ersten historischen Begrün- dungen einer erziehungs wissenschaftlich orientierten Pädagogik spielt die Fokussierung auf Wirksamkeit eine zentrale Rolle. In Herbarts „Allgemeine[r] Päd- agogik aus dem Zweck der Erziehung abgeleitet“ (Herbart 1806) wird mit Blick auf das Ziel einer moralischen, Vernunft geleiteten Urteilsfähigkeit zwar gegen ein quasi-mechanisches Ursache-Wir- kungs-Modell Stellung bezogen, zugleich jedoch das Ziel formuliert, „pädagogisch so zu wirken, dass sich vielseitige Handlungsantriebe und umsichtige Ur- teile im Heranwachsenden bilden“ (Benner 1993, 81). Wirksamkeit kann mit Blick auf die genannten sozialpädagogischen Anschlusspunkte daher durch- aus als ein professionsbezogenes Pendant zur „anth- ropologisch gedeuteten Konstante Bildsamkeit “ (Andresen 2009, 79, eigene Hervorhebung) verstan- den werden. Die Lesart von Wirksamkeit als pädagogisch-pro- fessioneller Konstante im Sinne einer konstitutiven pädagogischen Zielorientierung macht aber nur ei- nen Teil der Bedeutung im Kontext Sozialer Arbeit aus und kann analytisch die aktuelle Thematisie- rung und den Stellenwert „konzeptioneller Wir- kungsorientierung“ und den Boom „empirischer Wirkungsforschung“ nicht einholen. Dies ist dann möglich, wenn Wirksamkeit /Wirkungsorientie- rung als Steuerungsfigur wohlfahrtstaatlicher und professioneller Transformation in den Blick ge- nommen wird. Wirkungsorientierte Transforma- tion Sozialer Arbeit Rückblickend auf die Entwicklung Sozialer Arbeit im Kontext der Ausprägung von Wohlfahrtsstaat- lichkeit kann die These formuliert werden, dass die jeweiligen Transformationsprozesse immer auch von Fragen nach Wirksamkeit und Wirkungen be- gleitet und auf verschiedene Art und Weise beant- wortet wurden – sei es mit Verweis auf den Telos von Pädagogik (Raithel et al. 2009) oder dem Konzept der professionellen Erbringung sozialer Dienstleistungen (Stichweh 1996). Die aktuelle Transformationsbewegung, in deren Mittelpunkt „Wirkungsorientierung“ verhandelt wird, stellt nun die Wirkungsfrage als Kritik an wohlfahrts- staatlichen Leistungen und professionell erbrachten Bildungs-, Erziehungs- und Hilfeleistungen – also eine Kritik an der Ausprägung des wohlfahrtstaatli- chen Arrangements selbst – in den Mittelpunkt. Für die Soziale Arbeit, wie parallel dazu auch im Gesundheits-, Pflege- und Bildungswesen, wird Wirkungsorientierung zum Kernelement von Öko- nomisierungsprozessen in einem als post-wohl- fahrtsstaatlich diagnostizierten sozialpolitischen Modell (Kessl /Otto 2009). Insbesondere das Steuerungsmedium des (professionellen) Wissens Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4a.art173, © 2011, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München

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