Handbuch 5. Auflage

1848 Albus · Micheel · Polutta  verliert in diesem Zusammenhang an Durchset- zungsmacht (Messmer 2007). Während jenes pro- fessionelle Deutungswissen nicht nur öffentlich in der Kritik steht (Gambrill 2001), sondern ihm auch durch veränderte rechtliche Normierungen Legitimationskraft entzogen wird, sind es zugleich andere Wissensformen, die steuerungsrelevant wer- den. Dabei können vier Ebenen wirkungsorientier- ter Steuerung unterschieden werden: Politik, 1. Organisationen Sozialer Arbeit, 2. Professionelle in der Praxis und 3. die BürgerInnen als (potenzielle) AdressatInnen 4. Sozialer Arbeit. Einen markanten Punkt in der wirkungsorientierten Wende europäischer Sozialpolitik stellte 1997 die Äußerung vom damaligen britischen Premierminis- ter Tony Blair dar, der deutlich machte „What counts is what works“ (Blair 1997). Auch in Deutschland wurde 2009 die politische Forderung nach Legitimation über den Ausweis von Effekten bereits zum zweiten Mal in Folge durch einen Koa- litionsvertrag gerahmt. Insbesondere die Jugendhilfe ist aufgefordert „ihre Erfolge auch mit ‚harten Fak- ten‘ beweiskräftiger [zu] machen“ (Bundesregierung 2005, 107), bzw. sie soll auf „Zielgenauigkeit und Effektivität hin überprüf[t werden]“ (Bundesregie- rung 2009, 71). Damit ist die Jugendhilfe als Praxis- feld Sozialer Arbeit zentral markiert, was auf eine spannungsreiche Gleichzeitigkeit von wachsender öffentlicher Thematisierung der Jugendhilfe einer- seits und steigendem Legitimationsdruck anderer- seits hinweist. Analog dazu wird eine Ambivalenz von Professionalisierungsoptimismus und erhebli- cher Skepsis gegenüber bisherigen Modellen profes- sioneller Erbringung Sozialer Dienste transportiert. Im internationalen Vergleich zeigen die politischen Forderungen nach Wirkungsnachweisen unter- schiedliche Folgen: vom Aufbau nationaler und in- ternationaler Zentren (z. B. SCIE in UK, Campbell Collaboration in Norwegen, Early Head Start Na- tional Resource Center in den USA oder das Nati- onale Zentrum für Frühe Hilfen in Deutschland), die der Bereitstellung von Wirkungsstudien, Da- tenbanken und Praxis-Empfehlungen dienen, bis hin zu kommunal begrenzten Selbstevaluationsan- sätzen sind Versuche zu beobachten, die Praxis mit Hilfe des je spezifisch generierten Wissens umWir- kung zu verändern (Gray et al. 2009; Albus et al. 2009). Insbesondere die meisten kommunalen Ansätze der Wirkungsorientierung in Deutschland sind in der Tradition der manageriellen Reorganisation Sozialer Arbeit zu verorten, die im Zuge der ersten Ökonomisierungswelle Anfang der 1990er Jahre forciert wurde (KGSt 1993). Die Grundlagen für eine Steuerung Sozialer Dienste über Daten und Kennzahlen sind in der Einführung der Neuen Steuerung, des Qualitätsmanagements und den In- strumenten des New Public Management gelegt. Dabei „zeigt sich deutlich der Zusammenhang der aktuellen Wirkungsdebatte mit der Programmatik einer effizienzfo- kussierten Steuerung sozialer Dienstleistungserbringung. Evaluation oder Wirkungsforschung werden in diesem Zusammenhang zum Instrument eines Strategischen Controllings, sie sind Bestandteil der laufend durch- geführten Leistungsmessung in Organisationen“ (Dahme et al. 2008, 175). Die wirkungsorientierten sozialpolitischen Um- steuerungsmaßnahmen in Deutschland bilden da- mit jedoch im Vergleich zur englischsprachigen Auseinandersetzung nur einen „halbierten Wir- kungsdiskurs“ (Otto 2007) ab: Im Vordergrund standen nach der Jahrtausendwende insbesondere Verfahren zur Forcierung wettbewerblicher Ele- mente. Wirkungsorientierte Steuerung wurde ins- besondere als Steuerung der Finanzierungsformen sozialer Dienste thematisiert und in der Praxis im- plementiert (Schröder 2002; Struzyna 2007; Plaß- meyer /Kohlmeyer 2009). Demgegenüber wurde die Rezeption des im eng- lischsprachigen Raum diskutierten Steuerungs- modells Evidenzbasierter Praxis (EBP) erst mit Verzögerung in Deutschland begonnen (Hütte- mann / Sommerfeld 2007). Das forschungsmetho- disch und professionstheoretisch höchst umstrit- tene Steuerungsmodell der EBP geht in seiner Zielsetzung über Ansätze des New Public Ma- nagements hinaus, indem es ein neues Verhältnis von Praxis, Wissenschaft und Sozialpolitik entwirft. Gegenüber den wirkungsorientierten Steuerungsversuchen über Marktmechanismen setzt EBP auf eine rationale, an wissenschaftlicher Wirkungsforschung ausgerichtete Steuerung der Praxis. EBP stützt sich dabei auf ein Wissen

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