Handbuch 5. Auflage
Wirksamkeit 1849 schaftsverständnis, das sich mit der statistischen Auswertung und kalkulatorischen Berechnung wirksamer Interventionen beschreiben lässt und darauf abzielt, die Praxis Sozialer Dienste auf der Grundlage dieses Wissens anzuleiten (Roberts / Yeager 2006). Vertreter einer evidenzbasierten Praxis verweisen explizit darauf, dass die wissen- schaftliche Fundierung professioneller Entschei- dungen im Mittelpunkt ihres Interesses steht (Proctor / Rosen 2003; Kindler 2005) und damit theoretisch auch losgelöst vom Ökonomisierungs- gedanken und der manageriellen Reorganisation gedacht werden kann, denn die wirksamste In- tervention im Sinne von EBP muss nicht die kostengünstigste sein (Hüttemann 2006). Die Orientierung von Hilfeentscheidungen an pro- babilistisch höchster Erfolgswahrscheinlichkeit ist allerdings weder widerspruchsfrei mit Wünschen und Bedürfnissen von AdressatInnen verhandel- bar, noch mit dem Erfahrungswissen von Fach- kräften in Übereinstimmung zu bringen, sondern verweist auf kategorial verschiedene Handlungs- logiken und Praxen (Ziegler 2004; zu den diver- gierenden Ansätzen Otto / Polutta / Ziegler 2010). Die Rolle der AdressatInnen Sozialer Arbeit ver- ändert sich je nach wirkungsorientierter Steue- rungsvariante. Während individuelle Lebenslagen und subjektive Gestaltungserwartungen an die Hilfeerbringung im Rahmen von EBP systema- tisch ausgeblendet werden müssen, um kategoriale Problemzuordnung und die Wahl und Durch- führung des darauf abgestimmten Hilfepro- gramms zu gewährleisten, werden im Rahmen managerieller Wirkungsorientierung auch Ele- mente der Aktivierung der AdressatInnen als Form der Wirkungssteuerung thematisiert und damit ein Modus der „Responsibilisierung“ bei der Erbringung wohlfahrtsstaatlicher Hilfeleis- tungen protegiert (Oelkers 2009). Als Ausdruck eines Paradigmenwechsels „vom Interventions- zum Steuerungsstaat“ (Oelkers 2009, 71) lassen sich in kommunalen Umsetzungen wirkungsori- entierter Transformation vielfach Hinweise darauf finden, dass dieser neue „Steuerungsstaat“ ins- besondere ein Selbststeuerungsideal präferiert, das Wirkungssteuerung als eine Anrufung des „effektiven Bürgers“ intendiert (Albus 2010). Wirkungsforschung in der Sozialen Arbeit Angesichts der Komplexität von Interaktionen in der Praxis der Sozialen Arbeit und den diversitären, individuellen Lebenslagen ihrer AdressatInnen wurde bisher bei der empirischen Bearbeitung der Wirksamkeitsfrage wiederkehrend diskutiert, dass Forschungsmethoden benötigt werden, die der Re- konstruktion sozialer Praxen dienen, Lebenslagen und –bedingungen sowie Machtverhältnissen ana- lysieren, oder der Angemessenheit sozialer Interven- tionen nachgehen (Riessman 1994; Sherman /Reid 1994; Shaw 1999; Shaw/Gould 2001; Mess- mer/Hitzler 2008). Zahlreiche Wirkungsstudien im bundesdeutschen Raum basieren in dieser Tradi- tion – zumindest zu einem wesentlichen Teil – auf qualitativen Forschungsdesigns (Gehres 1997; Rätz- Heinisch 2005; Finkel 2004; Beckmann et al. 2006; Wolf 2006). Mit der wirkungsorientierten Wende im Steue- rungsdiskurs haben sich allerdings auch die Er- wartungen an Forschungsergebnisse verändert. Gefordert werden von Politik und (Steuerungs-) Praxis eindeutige, quantifizierbare Ergebnisse (Soydan 2009). Forschung im Dienste wirkungs- orientierter Steuerung soll weniger dazu dienen, die grundlegenden Strukturen zu erklären und Ambiguitäten aufzuzeigen, sondern ist mehr auf die Produktion von direkt handlungsrelevantem Wissen zu konzentrieren (Gray 2001). Parallel zu diesen Verwertbarkeitsansprüchen in Bezug auf wissenschaftliche Forschungsergebnisse ist die Debatte um deren Qualität und dabei vor allem um ihre Validität neu entbrannt. Angesichts der Hierarchisierung von Forschungszugängen wird auch von einer positivistischen Wende in der Wirkungsforschung gesprochen (Hammersley 2006). Experimente, mit denen aufgrund der Kontrolle wesentlicher Kontextvariablen eine Un- terscheidung zwischen Programmeffekten und nicht auf das spezifische Programm zurückzufüh- rende Entwicklungen vorgenommen wird, errei- chen hierbei ein „Level of Evidence“, dass nur durch eine Meta-Analyse verschiedener dieser randomisierten Kontrollexperimente (RCTs) übertroffen werden kann (McNeece /Thyer 2004). Quasi-experimentelle Studiendesigns sind nach diesem Systematisierungsansatz zwar nicht als gleichwertig gegenüber RCTs zu sehen, werden
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