Handbuch 5. Auflage
1850 Albus · Micheel · Polutta aber noch als aussagekräftig im Hinblick auf ihre Wirkungsnachweise anerkannt. Kohortenstudien ohne Experimentaldesign, Einzelfallstudien und schließlich das Praxiswissen rangieren hingegen auf den unteren Ebenen der Evidenzpyramide, wodurch ihren Ergebnissen zum Teil keine oder nur eingeschränkte Beweiskraft bezüglich Effekti- vität und Wirksamkeit zugesprochen wird (Far- rington 2003). Neben einer grundsätzlichen In- fragestellung dieser Art von Hierarchisierung (APA 2006) wird auf die Problematik aufmerk- sam gemacht, dass Experimente zwar Aussagen über Effekte („Efficacy“) im Fall höchster Pro- grammintegrität treffen, die Wirksamkeit des Programms unter Realbedingungen, d. h. in ei- nem nicht-klinischen Setting, hingegen eine Frage nach „Effectiveness“ ist, die im Rahmen von RCTs nicht beantwortet werden kann (Pawson 2006). Angesichts dieser „externen Validitätsschwäche“ von Kontrollexperimenten erweisen sich im Hin- blick auf die Verwertbarkeit der Erkenntnisse für die Praxis solche Forschungsdesigns als vorteilhaf- ter, die Programmkontexte mit einbeziehen und Unterschiede in der Programmdurchführung be- rücksichtigen (Otto 2007). Quasi-experimentelle Studien im Rahmen realistischer Evaluationen stellen in diesem Punkt eine Alternative dar, da sie Aussagen über komplexe Wirkweisen im Sinne von „Kontext-Mechanismus-Ergebnis-Konfigura- tionen“ machen können, d. h. darüber Auskunft geben, was für welche Zielgruppen unter welchen Bedingungen und Konstellationen warum welche Effekte zeitigt (Pawson /Tilley 2009). Damit wird die Frage nach dem „Wie“, die vor allem die An- fänge der anglo-amerikanischen Wirkungsfor- schungsdebatte dominiert hat (kritisch dazu Shaw 2005), erweitert um die Frage, was in den empiri- schen Blick genommen werden sollte. Der Maßstab des Erfolgs, mit dem Wirkungen zu messen sind, wird mit seiner Explizierung einer kri- tischen Diskussion zugänglich gemacht, die für eine reflektierte, produktive Auseinandersetzung mit den Steuerungsprozessen einer wirkungsorientierten oder evidenzbasierten Praxis notwendig erscheint. Die scheinbare Zwangsläufigkeit von Erfolgsindika- toren in vielen klassischen Wirkungsstudien wird damit hinterfragt. Ausgehend von den Überlegun- gen zur „demokratischen Rationalität“ einer reflexi- ven Professionalität (Dewe/Otto 2005) und der Gerechtigkeitsperspektive als Proprium Sozialer Ar- beit (Schrödter 2007) muss Wirkungsforschung im Feld der Sozialen Arbeit auch im Hinblick darauf bewertet werden, ob sie erstens die relevanten Wir- kungen erfasst und zweitens, ob sie die Perspektive der AdressatInnen auf ihre eigene Lebensführung adäquat berücksichtigt. Deren subjektive Einschät- zung spielt eine entscheidende Rolle, wenn es gilt, den Nutzen bzw. die Relevanz vonWirkungen sozia- ler Dienstleistungen zu bewerten (Oelerich / Schaar- schuch 2005). Allerdings müssen die subjektiven Bewertungen der AdressatInnen mit Blick auf die Problematik möglicher adaptiver Präferenzen (Nuss- baum 2000; Sen 1985) analytisch eingeordnet wer- den. So sind vor dem Hintergrund dessen, was all- gemein zu den Voraussetzungen eines guten Lebens zu zählen ist, strukturelle soziale Ungerechtigkeiten identifizierbar. Daher ist es für die Wirkungsfor- schung angebracht, neben den subjektiven Bewer- tungsmaßstäben der AdressatInnen auch „objektive“ Bewertungsmaßstäbe zur Interpretation der erhobe- nen Daten anzulegen – auch wenn sich damit die Notwendigkeit verbindet, normative Bestimmungen vorzunehmen und sich mit drohenden Paternalis- musgefahren auseinanderzusetzen (Deneulin 2002; Otto/Ziegler 2010). Einen fruchtbaren Ansatz bie- tet dabei das Konzept der Verwirklichungschancen. Der international als Capabilities Approach be- kannte Ansatz stellt das Konstrukt der Autonomie und der Würde des Menschen in Zusammenhang mit den strukturellen Möglichkeiten und den indi- viduellen Fähigkeiten. Die Freiheit, ein Leben zu führen, für das sich der oder die Einzelne mit guten Gründen entscheidet, ist demnach abhängig von rechtlichenMöglichkeiten, materiellen Ressourcen, sozialen Netzwerken, individuellen Fähigkeiten und persönlichen Dispositionen (Sen 2001; Nuss- baum 2000; Otto / Ziegler 2006). Die Erweiterung des Blicks von der einseitigen Begutachtung von Güterverteilungen oder der ausschließlichen Mes- sung von individuellen Fähigkeiten im Sinne eines Skill Assessment hin zu einer empirischen Erfas- sung von tatsächlich realisierbaren Handlungs- spielräumen stellt einen wichtigen Fortschritt für die Wirkungsforschung im sozialpädagogischen Feld dar. Im Hinblick auf eine Konkretisierung von Verwirklichungschancen kann auf Nussbaums Liste der zentralen Capabilities zurückgegriffen werden (Nussbaum 2006), die in der für die deut- sche Jugendhilfe adaptierten Übersetzung folgen-
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