Handbuch 5. Auflage
1856 Dewe · H.-U. Otto primär Begriffe für die Applikation in der pädago- gischen Praxis – und müssen sich an den Bedin- gungen der Autopoiesis des Erziehungssystems selbst orientieren (Dräger 2000; siehe Abb. 1). Daraus folgern Luhmann / Schorr, dass Pädagogik, die immer innerhalb ihres eigenen Systems – dem Erziehungssystem – agiert, keine normale Wissen- schaft sein kann, aber auch nicht zu sein braucht, da es sich um eine „Systembetreuungswissenschaft“ handele. Sie könne sich nicht als wissenschaftliche Disziplin mit einer eigenen Terminologie etablie- ren, sondern nur als fächerübergreifendes, also in- terdisziplinäres oder transdisziplinäres Fach. Somit lebt die heutige Pädagogik scheinbar von den An- regungen aus den wissenschaftlichen Disziplinen, wie z. B. der Soziologie, was aber nicht impliziert, dass die externe soziologische Betrachtungsweise des Erziehungssystems „besser“ ist als die interne pädagogische. Beide haben ihre Vorzüge, denn ein System (als ein Beobachter) „kann nur sehen, was es sehen kann. Es kann nicht sehen, was es nicht sehen kann. Es kann auch nicht sehen, dass es nicht sehen kann, was es nicht sehen kann“ (Luhmann 1990, 473). Die Differenz von Theorie /Wissen und Praxis ist keine Differenz unterschiedlich ho- her Erkenntnisse, sondern eine unterschiedlicher Einstellungen / Perspektiven. Aber gerade durch das im Erziehungssystem zum Thema werdende Theo- rie / Praxis-Dual – welches im Grunde nur eine ana- lytische Unterscheidung ist – und die Selbstbe- schreibung der Pädagogik als praktische Theorie („Handlungswissenschaft“) wird immer wieder ver- Wissenschaft Profession Praxis Wissen Können wissenschaftliches Erklärungswissen Professionswissen praktisches Entscheidungswissen Wahrheit Wahrheit und Angemessenheit Angemessenheit Verbesserung von Begründungskompetenz Verbesserung von Handlungskompetenz Erklärung/Deutung Maßnahmen/Angebot Abb. 1: Spezifika des Professionswissens sucht, „das Technologieproblem ausweichend zu behandeln“ (Luhmann 1990, 57; vgl. Sheppard 1998). Dieses Problem wird in der Sozialarbeit / Sozial- pädagogik häufig verkürzt gesehen mangels Er- kenntnismaßstäben, die die „Profession“ mit ihrer beruflichen Praxis der sich erst entwickelnden wissenschaftlichen „Disziplin“ gewiss nicht vor- geben kann. Sie ergeben sich vielmehr zuallererst aus einer wissenschaftstheoretischen Betrachtung der ausdifferenzierten Professionalisierungs- und Disziplinbildungsprozesse. Erst in diesem Prozess lassen sich Konstruktionsprinzipien von Theo- rien, die in ihrem Gegenstandsbezug variabel sein mögen, gewinnen. Nur so sind die negativen Konsequenzen der weitverbreiteten, aber darum nicht auch richtigen Unterstellung einer „Eins- zu-eins-Korrespondenz“ von theoretischer und praktischer Aufgabe zu umgehen. Bemühungen, den Entwicklungsstand und die Perspektiven ei- ner eigenständigen Wissenschaftsdisziplin Sozial- arbeit / Sozialpädagogik auszumachen, gibt es nicht erst seit Lukas’ normativem Entwurf (1979). Bereits zu Beginn des Jahrhunderts gab es wissen- schaftstheoretische Selbstvergewisserungen mit unterschiedlichem Erfolg, die allerdings in der Folgezeit immer wieder unterbrochen wurden und heute auf neuer Grundlage und mit anderen Vorzeichen systematisch fortzuführen sind (Oel- kers /Tenorth 1991). Allgemein betrachtet ist im Terminus „Wissenschaft“ impliziert, dass inter- subjektiv gültige Aussagen gemacht werden. Kon-
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