Handbuch 5. Auflage
Wissenschaftstheorie 1857 ventionellerweise wird die Aufgabe der Wissen- schaftstheorie darin gesehen, dass sie die Kriterien liefert und überprüft, wie Aussagen beschaffen sein müssen, um das Prädikat „wissenschaftlich“ zu bekommen. Es gibt nicht die Wissenschafts- theorie, sondern viele, sich oft widersprechende Modelle (etwa Mittelstrass 1981). Die Unter- schiede betreffen vor allem den Spielraum der Aussagegültigkeit, etwa von der Rigidität einer extrem empirisch-positivistischen Position bis hin zu hermeneutischen und phänomenologischen Positionen, für die „Sinn“, „Verstehen“ und „Evi- denz“ bereits hinreichende Wahrheits-, Wahrhaf- tigkeits- und Angemessenheitskriterien für wissen- schaftliche Aussagen darstellen (Matthies / Simon 2009). Bei aller Widersprüchlichkeit lassen sich doch Merkmale für „Wissenschaft“ (Widmer 1985) bestimmen. Das ist einmal ein definierter Gegenstandsbereich, da im wissenschaftlichen Denken Teilprobleme aus der Gesamtmenge mög- licher Probleme ausgeschieden werden, ihre Frag- würdigkeit als Problem umschrieben und auf ihre kausale, phänomenale und finale Funktionalität hin befragt wird (Widmer 1985). Das sind weiter- hin definierbare Methoden der Erkenntnisgewin- nung. Wissenschaftliches Denken ist methodisches Denken. Nach welchen wissenschaftlich-metho- dischen Spielregeln über welche Problembereiche gültige Aussagen gemacht werden können, ist eine Funktion des Konsensus unter Wissenschaftlern. Wissenschaftliche Aussagen müssen intersubjektiv Tab. 1: Relationen zwischen Reflexionstheorien und wissenschaftlichen Theorien Funktionale Referenzkontexte ausdifferenzierte gesellschaftliche Teilsysteme für: Pädagogik Wissenschaft Theorietypen und Wissensformen Reflexionstheorien auf der Basis von Teilsystemen (Bildungssystem, Gesundheitssystem u. a.) Wissenschaftliche Theorien im Wissenschaftssystem Referenzprobleme Auseinandersetzungen mit Praxis problemen unter Orientierungs gesichtspunkten Erforschung von Erkenntnis problemen unter Wahrheitsgesichts- punkten Formen vergleichen- den Beziehungs- denkens Ubiquitäre menschliche Denkform Erziehungs- und Sozialwissenschaft liche Methode Motivationaler Kon- text Fokussieren von Existenzinteressen; im Mittelpunkt stehen Orientierungs probleme und Konflikte Weitestgehend Ausklammern von Existenzinteressen, Orientierungs problemen und Konflikten überprüfbar sein. Diese Norm gilt als wissenschaft- liche Norm, nicht nur für die Empirie, die Herme- neutik, die Dialektik, die Phänomenologie, sie gilt auch für die Überprüfung deskriptiver, präskrip tiver und normativer Aussagen (Widmer 1985). Außerdem werden wissenschaftliche Aussagen zu- sammengefasst in ein Aussagensystem, in eine Theorie. Eine Theorie kann aufgefasst werden als ein System von intersubjektiv überprüfbaren, me- thodisch gewonnenen, in einem konsistenten Zu- sammenhang formulierten Aussagen über einen definierten Sachbereich. Im Theoriebildungspro- zess werden Phänomene beobachtet, beschrieben oder analysiert und in die Form einer systemati- schen Konstruktion bzw. Rekonstruktion sozialer Wirklichkeit gebracht. Theoretische Ansätze sind bestimmt von einer wie immer gearteten Gesell- schaftsinterpretation und von einem impliziten und teilweise auch expliziten Menschenbild. Aus der Wechselwirkung beider entwickelt sich ein Aufgabenverständnis, das zu Untersuchungen seiner Konsequenzen führt, etwa der Entwicklung eines angemessenen forschungsmethodischen Zu- gangs, der die gesellschaftliche Realität in ihrer Komplexität und der das menschliche Potenzial in seinen Tiefendimensionen zu erschließen ver- mag. Daraus folgen dann erstens spezifische Ar- gumentationen, die sich mit den nötigen Legiti- mationen befassen müssen, was insofern nicht immer umstandslos geschehen kann, als im Alltag die wechselnden Rechtfertigungsmuster („naive
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