Handbuch 5. Auflage
Wissenschaftstheorie 1861 Verhältnis von Sozialarbeit/Sozialpädagogik als Dis- ziplin und als Profession bleibt seinerseits weit- gehend ignorant gegenüber sozialpolitisch/wohl- fahrtsstaatlich inspiriertenFunktionsbeschreibungen der Sozialarbeit/Sozialpädagogik. Diese Diskussio- nen haben trotz aller Kontroversen aber auch ge- zeigt, dass sich die kognitive Identität der Sozial- arbeit/Sozialpädagogik nicht mittels eines vielleicht der Disziplin „zufallenden Gegenstandsbereiches“ (Thiersch 1985) bestimmen lässt, „sondern ausschließlich über eine spezifische Fragestel- lung, über die theoretische Konstitution des Gegenstan- des. Und dabei wäre sie von anderen Sozialwissenschaf- ten nur dem Inhalt nach unterscheidbar, nicht der Form nach“ (Lüders 1988, 6). Wenn kognitive Identität die – wie etwa Lepenies 1981 definiert – „Einzigartigkeit und Kohärenz von Orientierungen, Paradigmen, Problemstellungen und Forschungswerkzeugen“ in Abhebung und Konkurrenz zu anderen Disziplinen und deren Pro- grammen meint, dann wird schon deutlich, dass substantialistische oder essentialistische „Gegen- standsbestimmungen“ nicht weiterhelfen. „Auf dem Weg zu einer reflexiven Erziehungswissenschaft“ (Lenzen 1991) ist es wohl unvermeidlich, sich zu- nächst mit den differenten Wissensformen (von Theoretikern, professionellen Praktikern und ge- sellschaftlichen Akteuren), ihrer Erzeugung, Ver- wendung und Verbesserung zu beschäftigten und diese von Fall zu Fall auseinanderzuhalten, da die Wissensformen der Beobachter (Theoretiker /For- scher) und der Handelnden sich gravierend unter- scheiden. Hinzu treten noch maßgebliche Diver- genzen in den Rollen und den ihnen implizierten Normen, Handlungsreferenzen und Kontrollsyste- men (LeCroy/Ashford 1993). Aus der wissenschaft- lichen (Beobachter-)Perspektive ist in den mannig- faltigen Bereichen der Sozialarbeit /Sozialpädagogik zudem ein gewaltiges Forschungsdefizit auszuma- chen. Den Kritikern dieses Befundes wird allerdings allenthalben voreilig die praktische Belanglosigkeit sozialpädagogisch bedeutsamer Forschungsergeb- nisse vor Augen geführt (Heid 1989). Doch kann auch ein derartiger Hinweis nicht darüber hinweg- täuschen, dass anstatt systematischer Forschung häufig mehr oder weniger reflektierende Erfahrungs- berichte aus Modellprojekten normative Konzepte hervorgebracht haben oder wissenschaftliche Be- gleitung bzw. Evaluation von sozialpolitischen Pro- jekten stattgefunden hat. Solche Ansätze sind aller- dings im strengen Sinne keine Beispiele für systematische Forschung, weil sie häufig in die ver- bandlichen oder politischen Legitimationszusam- menhänge eng eingebunden sind. Ein Teil der sozi- alpädagogischen Theoriebildung wird vornehmlich durch sozialwissenschaftlich-zeitdiagnostische Erör- terungen gespeist. So hat die Sozialarbeit /Sozialpäd agogik beispielsweise ihre Problemstellungen und Begrifflichkeiten durchweg aus der gesamten Breite der sozialwissenschaftlichen Disziplin übernommen, ohne dabei stets genügend Klarheit über den eige- nen Referenzrahmen zu haben. Andererseits wird immer wieder eine unzureichende bzw. fehlende Verbindung der Sozialarbeit/Sozialpädagogik zur erziehungswissenschaftlichen Disziplin und zur wis- senschaftstheoretischen Debatte festgestellt (u. a. Fatke et al. 1987). Dabei scheint sich immer mehr eine interdisziplinäre Sicht durchzusetzen, die so- wohl einzelwissenschaftliche Betrachtungen etwa im Hinblick auf die Arbeitsfelder der Sozialarbeit/Sozi- alpädagogik nicht auszuschließen vermag als auch der Notwendigkeit keineswegs entraten kann, wis- senschaftstheoretisch einen eigenen Referenzrahmen für interdisziplinäre Perspektiven zu entwickeln, der langfristig die kognitive Identität der Sozialpädago- gik – jenseits eines substantialistischen Disziplinver- ständnisses – zu garantieren vermag. Die Gefahr des referenzwissenschaftlichen Blicks besteht nicht zuletzt darin, dass er die Ausklammerung von sol- chen Fragestellungen zur Konsequenz hat, die keine Entsprechung in einer der Bezugswissenschaften finden (Dräger 2000). Was der Sozialarbeit/Sozial- pädagogik gegenwärtig als Defizit deutlich ent- gegentritt, ist das Fehlen der, von der Berufspraxis entlasteten, freien Form der Reflexion über das ei- gene Selbstverständnis im Kontext der sukzessiven Disziplinbildung; derartige Reflexionsprozesse sind aber für die Herausbildung einer kognitiven Identi- tät als Wissenschaft unverzichtbar (Hornstein 1985, Naumann 2008). So sind etwa Überlegungen zu ei- ner sozialpädagogischen Metatheorie die Ausnahme geblieben (Haag et al. 1973; Koop 1992), und es mangelt bis heute sowohl an der systematischen in- nerfachlichen Rezeption als auch an der ernsthaf- ten Bereitschaft zur dia- bzw. multilogischen Fortführung der wissenschaftstheoretischen und wissenschaftlichen Debatte. Die an der disziplinären Debatte Beteiligten setzen in der Regel stets wieder
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