Handbuch 5. Auflage
1862 Dewe · H.-U. Otto ab ovo an. Der unsichere Status der disziplinären Sozialarbeit/Sozialpädagogik ist nicht nur ein theo- retisches oder politisches Problem, sondern vor al- lem das Ergebnis mangelhafter Selbstreflexion und Selbstkritik (siehe hierzu bereits Otto/Utermann 1973). Für die Sozialpädagogik kann zweifellos die Annahme gelten, dass gegenwärtig die Bedingungen der Möglichkeit einer disziplinären und kognitiven Identität noch unklar erscheinen und keine eindeu- tigen Kriterien dafür bestehen, wie Antworten auf die Frage nach der disziplinären Identität lauten könnten (Wendt 1994). In ganz grundsätzlicher Weise können die Selbstbeschreibungen und Pro- blemdeutungen der Sozialarbeit /Sozialpädagogik als Beiträge zu einer sozialwissenschaftlich inspirier- ten Gesellschafts- und Handlungstheorie aufgefasst werden, deren Aufgaben, Inhalte und Perspektiven sich im Kontext der Entwicklung der sozialpädago- gischen Praxis, im Zusammenhang sozialstaatlicher Prävention und Versorgung und als Antwort auf his- torisch-gesellschaftliche Strukturen und Entwick- lungen von Normalisierungs- und Stigmatisierungs- prozessen herausbilden. Disziplin und Profession Die Sozialarbeit/Sozialpädagogik hat es in den hier nur bruchstückhaft vorgeführten Theorievarianten und Beobachtungsformen bislang versäumt, als Dis- ziplin über den Status differenter Wissensformen systematisch nachzudenken. Sie hat in der Vergan- genheit vielmehr ständig über die Reformierbarkeit der Lage ihrer Praxis sowie über gesellschaftliche und soziale Bedingungen nachgedacht. Das liegt u.a. auch daran, dass die Sozialarbeit/Sozialpädago- gik bislang keinen disziplinären Focus entwickeln konnte, nicht zuletzt, weil das Anknüpfen an die hermeneutischen Traditionslinien nicht umstands- los möglich ist. Hinzu kommt, dass sie in der Ver- gangenheit – oftmals sehr beliebig – Fragestellungen aus der Psychologie, Soziologie, Sozialpsychologie, Kriminologie und der Sozialpolitik in ihre – nur un- genügend entwickelte – disziplinäre Matrix linear übernommen hat. Externe Wissensbestände wurden adaptiert und dabei die wissenschaftlichen Erkennt- nisse der Referenzwissenschaften auf ihre (ver- mutete) potenzielle Technologie hin befragt und in der Folge der Praxis zugeführt, wenn auch gelegent- lich mit geringem Erfolg (zur Kritik Dewe et al. 1981). Solange sozialpädagogische Theorieangebote sich als normative Theorien einer Praxis bzw. für eine Praxis verstehen, können sie sich ihrem Unter- suchungsfeld nicht in analytischer Perspektive nä- hern bzw. die Begründungsprobleme des praktisch Handelnden in sozialpädagogischen Feldern z. B. nur ideologiekritisch destruieren oder aber die Praxis technologisch als Anwendungsfall vonTheorien ver- stehen. Die doppelte Orientierung an wissenschaft- lich-analytischen Standards einerseits und den nor- mativen Handlungsnotwendigkeiten in der Praxis andererseits führt oftmals dazu, dass theoretische Probleme nur noch im Kontext aktueller zeitdiag- nostischer Fragestellungen und wissenschaftlich weitgehend unsystematisch verarbeitet werden. Um- gekehrt werden praktisch normativ aufgeladene Fragestellungen nach dem Muster abstrahierender akademischer Argumentationen häufig ohne syste- matischen Bezug auf die Praxiskonstellationen re- flektiert (vgl. hierzu die erwähnte Differenz von Forschung und Reflexion). Die Sozialarbeit/Sozial- pädagogik ist vermutlich mehr als andere (Sub-)Dis- ziplinen der Erziehungswissenschaft in den Rahmen gesellschaftlicher Entwicklungsprozesse eingebun- den, und sie wird vermutlich auch stärker – nicht zuletzt angesichts ihrer nur facettenhaft vorhande- nen disziplinären Identität – unmittelbar von ver- schiedenen Seiten aus instrumentalisiert. Dies ist spätestens der Punkt, wo die akademische Sozial- arbeit/Sozialpädagogik über sich als Disziplin nach- sinnen müsste, um zu einer kognitiven Reorganisa- tion ihres Beobachterstandpunktes gegenüber der Profession und in der Folge zu klugen Selbst- beschreibungen zu gelangen (Otto et al. 2000). Lange Zeit wurde im Rahmen der Sozialarbeit /So- zialpädagogik die wissenschaftstheoretische Debatte zugunsten von Professionalisierungsdiskussionen vernachlässigt. Letztere wurden über Jahre als au- ßenlegitimatorische und standes- bzw. berufspoliti- sche Debatte im Zusammenhang eines „Aufstiegs- projektes“ geführt. Heute hingegen werden die Binnenstrukturen bzw. die Strukturlogiken sozial pädagogischen Handelns in dieser Debatte deutli- cher thematisiert. Von der funktionalistisch inspi- rierten Beobachterperspektive, die sich häufig auf eine taxonomische Aufzählung der diversen äußerli- chen Attribute, bestimmter systematischer Wissens- bestände und Funktionen von Professionen be- schränkte, verschiebt sich das Interesse hin zu einer Fragestellung, die die Möglichkeit der Professionali-
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