Handbuch 5. Auflage
187 Beschäftigung und Arbeit in der nachindustriellen Gesellschaft Von Martin Baethge Theoretische Perspektiven auf die Dienstleistungsgesellschaft Mit dem Wandel zur Dienstleistungsökonomie sind seit Langem weit reichende Hoffnungen auf gesellschaftliche Verhältnisse verbunden, in denen sowohl die tief greifenden Spaltungen in der Sozial- struktur als auch die negativen Begleiterscheinun- gen einer stark zergliederten tayloristischen Ar- beitsorganisation, die lange Zeit die Realität der kapitalistischen Industriegesellschaft geprägt ha- ben, überwunden würden (Baethge /Oberbeck 1986, 15 ff.; Gershuny 1981). Allerdings gibt es nicht die eine Theorie der nachindustriellen oder Dienstleistungsgesellschaft. Es gibt in den wissen- schaftlichen Debatten der letzten Jahrzehnte über den Wandel zu einer nicht mehr von der indus- triell-kapitalistischen Produktion bestimmten Ge- sellschaft unterschiedliche Konzepte dazu, welche Dynamik sich in der Sozialstruktur sowie in den Formen der Erwerbsarbeit unter dem Trend zu ei- ner Erwerbsarbeit entfalten wird, in der der tertiäre Sektor (Dienstleistungen) in Wertschöpfung und Beschäftigung dominieren wird. Die Dominanz des Dienstleistungssektors in der Wirtschaftsstruk- tur ist zwischen den unterschiedlichen Theorietra- ditionen, auf die im Folgenden kurz eingegangen wird, unstrittig: D. Bell (1975) sieht in seinem Konzept einer „nachindustriellen Gesellschaft“ das theoretische Wissen als neues dynamisches Zentrum gesell- schaftlicher und wirtschaftlicher Entwicklung, das die in der Industriegesellschaft bestimmenden Kräfte von Kapital und Arbeit ablöst und eine So- zialstruktur heraufführt, in der Wissenschaftler und Technologen die neue herrschende Klasse stel- len werden. Wenn theoretisches Wissen (auf diesen Typus von Wissen legt Bell sich in seiner Analyse fest) zunehmend die Funktionsprozesse nachindus- trieller Gesellschaft bestimmt, müssen sich auch die Arbeitsformen entsprechend verändern und – wie Bell es sieht – gegenüber der Industrie- arbeit verbessern (ähnlich P. Drucker 1993), da in wissensbasierter Arbeit extreme Formen von Ar- beitsteilung keinen Platz haben. Zu den Theoreti- kern der nachindustriellen Gesellschaft als Wissens- gesellschaft ist auch N. Stehr zu zählen, der allerdings anders als Bell auch die zunehmenden Unsicherheiten und Störanfälligkeiten einer wis- sensbasierten Ökonomie betont (Stehr 1994 und 2000). Einen gegenüber den Theoretikern der Wissens- gesellschaft anderen Horizont von Veränderungs- kräften eröffnet J. Gershuny (1981), wenn er auf den Wandel von Konsumformen und Haushalts- organisation sowie die Abhängigkeit möglicher Entwicklungspfade von der Arbeitsproduktivität und dem wirtschaftlichen Wachstum verweist und schließlich die Vision einer „Self-service Eco- nomy“ zeichnet, die als informeller neben dem formellen Sektor der Ökonomie steht. Gershuny spricht damit Aspekte an, die bei den Wissens- gesellschaftstheoretikern weitgehend ausgeblendet sind bzw. nicht systematisch in ihre Entwick- lungstheorie eingearbeitet werden. Es sind dies aber Aspekte, die für die inhaltlichen Schwer- punkte von Dienstleistungsbeschäftigung und -arbeit von entscheidender Bedeutung sind; sie betreffen heute das Gros der Tätigkeiten in den personen- und haushaltsbezogenen Dienstleis- tungsberufsfeldern (s. u.). Auch wenn wir heute wissen, dass Gershuny sein Konzept zu sehr aus der ökonomischen Situation Großbritanniens in den 1970er Jahren heraus formuliert hat und das Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4a.art015, © 2011, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München
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