Handbuch 5. Auflage
188 Baethge Ausmaß tatsächlicher Externalisierung von Haus- haltsfunktionen an Markt und Staat unterschätzt, bleibt das von Gershuny implizit aufgeworfene Spannungsverhältnis von Kommodifizierung und Dekommodifizierung von Bedürfnisbefriedigung für die Analyse von Dienstleistungsbeschäftigung wichtig. Aktuell betrifft es in besonderem Maße die sozialen Dienstleistungen, in Sonderheit in der Frage der Betreuung von Kleinkindern, kranken und alten Menschen und die Auslagerung von Er- nährungsfunktionen (Gastgewerbe). Dass mit die- sen Fragen auch immer Vorstellungen darüber, wie das gesellschaftliche Zusammenleben organisiert sein sollte, verbunden sind, darauf haben in den 1990er Jahren bereits Häußermann / Siebel (1995) mit Nachdruck hingewiesen. Der für die Debatte über Dienstleistungsarbeit folgenreichste Autor ist J. Fourastie (1949). Seine Theorie versteht er als Evolutionstheorie mensch- licher Arbeit von ihren Anfängen her; in ihrem Zentrum steht der sektorale Wandel von landwirt- schaftlicher (primärer Sektor) und industrieller Produktion (sekundärer Sektor) zur Dienstleis- tungsökonomie (tertiärer Sektor), die seiner Prog- nose von 1949 nach am Ende des 20. Jahrhunderts 80% bis 90% der Erwerbstätigen in den früh- industrialisierten Gesellschaften des Wesens stellen würde. Diese Theorie, die die großen Entwick- lungsphasen von Arbeit und Wirtschaft nach dem jeweils dominierenden Wertschöpfungssektor in der Gesellschaft gliedert, basiert auf der Kopplung von zwei zentralen Annahmen: zum einen zur Pro- duktivitätsentwicklung der Arbeit, zum anderen zum Wandel der Bedürfnis- und Konsumstruktur der Menschen. Aufgrund von Rationalisierung, Technisierung und Verwissenschaftlichung der Produktionsmethoden steigt die Arbeitsprodukti- vität in der materiellen Güterproduktion sowohl in der Landwirtschaft als auch der Industrie immer weiter an und schafft ein ständig sich vergrößern- des Warenangebot. Dieses wiederum – hier kommt die zweite Annahme ins Spiel – führt zu Sättigungs- effekten auf den Gütermärkten, mit der Folge, dass die Konsumenten ihre Bedürfnisse zunehmend auf immaterielle Güter (Dienste) richten. Da bei Dienstleistungen anders als in der industriellen Produktion, wo die Herstellung und der Konsum von Gütern räumlich und prozessual getrennt sind, die Erstellung und der Konsum von Dienstleis- tungen in der Regel räumlich und prozessual eng gekoppelt sind („uno actu-Prinzip“), werden einer auf Standardisierung und Massenproduktion aus- gerichteten Technisierung und Rationalisierung, mithin auch starken Steigerungen der Arbeitspro- duktivität in den Dienstleistungen Grenzen ge- setzt. Die Verbindung der beiden Grundannahmen, eingeschränkte Produktivitätssteigerung und Ver- lagerung von Konsumpräferenzen von materiellen Industrieprodukten zu immateriellen Dienstleis- tungen, sind nach Fourastie der Grund für die Umschichtung der Beschäftigung aus der hoch- produktiven Industrie in den niedriger produkti- ven Dienstleistungssektor, mit der der Siegeszug der Dienstleistungsökonomie gleichsam unaus- weichlich wird. Die quantitative Expansion der Dienstleistungs- beschäftigung stellt die eine Seite von Fourasties „Hoffnung des zwanzigsten Jahrhunderts“ dar. Die andere Seite und den Kern seiner Theorie bildet die Vorstellung eines qualitativ höheren Stadiums der Gesellschaft, einer „tertiären Zivilisation“, in der sich auch die Erwerbsarbeit verbessert und zu höheren Formen qualifizierter intellektueller Tätig- keiten führt – als Pendant zur Anhebung der Be- dürfnisse. In der wissenschaftlichen Debatte über den Wan- del zur Dienstleistungsgesellschaft sind gegen beide Grundannahmen Fourasties Argumente ins Feld geführt worden, die diese zwar erschüttern, nicht aber Fourasties quantitative Prognose aus dem Feld geschlagen haben. Deren scheinbare Bestätigung kann man darin sehen, dass Ende des 20. Jahr- hunderts in den ökonomisch Ton angebenden westlichen Gesellschaften der Anteil der Dienst- leistungstätigkeiten an der Gesamterwerbstätigkeit zwischen 70% und (über) 80% liegt. Es gehört zu den Kuriositäten der Sozialwissenschaften, dass eine Theorie, die in ihren Begründungen so zwei- felhaft ist wie die von Fourastie so viel vordergrün- dig Zutreffendes voraussagen konnte. Es sind zwei zentrale Argumente, die gegen Fourastie geltend gemacht worden sind und auf die einzugehen Sinn macht, weil die beiden plausiblen Grundannahmen Fourasties in den Dienstleistungsdiskursen immer wieder thematisiert werden: Das erste Argument betrifft die Arbeitsproduktivi- ■ ■ täts-Annahme: Auch wenn die Arbeitsproduktivi- tät in den meisten Dienstleistungen weniger groß
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