Handbuch 5. Auflage
Wohlfahrtsstaat 1871 der Folge, dass soziale Rechte stark an Klasse und Status gebunden sind und die Ansprüche auf Bei- trägen basieren. Grundlage dieses Modells sind das Normalarbeitsverhältnis und die Normalfami- lie, die mit politischen Mitteln stabilisiert werden. Natürlich bewegen sich viele reale Fälle zwischen den Idealtypen Esping-Andersens. Dies soll in der folgenden grafischen Darstellung zum Ausdruck kommen. In der Debatte um diesen Ansatz sind ferner ver- schiedene Ergänzungen und Differenzierungen vorgenommen worden, die für eine Darstellung aller 27 EU-Mitgliedsstaaten wichtig sind: Der Typ des südeuropäischen oder rudimentären ■ Wohlfahrtsstaats (Spanien, Portugal, Griechenland und teilweise Italien) zeichnet sich dadurch aus, dass hier die Systeme der sozialen Sicherung nur partiell entwickelt und noch traditionelle, nicht- staatliche Formen der sozialen Unterstützung (Kir- chengemeinde, Familie) relevant sind. In diesem Typus des Wohlfahrtsstaates liberal Variablen/Indikatoren Dekommodifizierung Residualismus Privatisierung Korporatismus/Etatismus Umverteilungskapazität Vollbeschäftigungsgarantie schwach stark hoch schwach schwach schwach Typus des Wohlfahrtsstaates sozialdemokratisch Variablen/Indikatoren Dekommodifizierung Residualismus Privatisierung Korporatismus/Etatismus Umverteilungskapazität Vollbeschäftigungsgarantie stark schwach niedrig schwach stark stark Typus des Wohlfahrtsstaates liberal Variablen/Indikatoren Dekommodifizierung Residualismus Privatisierung Korporatismus/Etatismus Umverteilungskapazität Vollbeschäftigungsgarantie mittel (?) stark niedrig stark schwach schwach (?) Typen und Dimensionen des Wohlfahrtsstaats nach Esping-Andersen Abb. 1: Typen und Dimensionen des Wohlfahrtsstaats nach Esping-Andersen Zusammenhang ist ebenfalls zu berücksichtigen, dass es sich hier um weniger industrialisierte, strukturschwache und arme Länder handelt, also auch nur relativ geringe Einkommen am Markt er- zielt werden. Als weiterer Typ lässt sich der mittelosteuropäische ■ oder „postsozialistische“ Wohlfahrtsstaat nennen, der die Staaten des ehemaligen Ostblocks umfasst. Hier sind zum einen die Folgen der politisch-öko- nomischen Transformation zu bewältigen, zum an- deren sind die institutionellen Fundamente des Wohlfahrtsstaats noch jung und schwach (dazu Baum-Ceisig et al. 2008; Busch 2008; Schubert et al. 2008; Schmid 2008). Esping-Andersen wurde kritisiert, weil sich seine Analyse primär an der umkämpften Grenzziehung zwischen Markt und Staat orientierte bzw. sich auf den Klassenkonflikt konzentrierte. Deshalb ergänzte er seine Analyse um das Verhältnis von Defamiliari- sierung vs. Familialismus als wohlfahrtsstaatliche Strategie (Esping-Andersen 1999; Schmid 2002).
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