Handbuch 5. Auflage

Beschäftigung und Arbeit in der nachindustriellen Gesellschaft 189 als in Landwirtschaft und Industrie ist, war die Vorstellung weitgehender Technisierungs- und Rationalisierungsresistenz schon zu Fourasties Zeiten obsolet, wenn man etwa an die Technisie- rung von Schreibarbeiten und die große Bürora- tionalisierung im ersten Drittel des 20. Jahrhun- derts denkt (Baethge /Wilkens 2001, 9 f.). Im weiteren Verlauf des 20. Jahrhunderts lassen sich andere tiefgreifende Dienstleistungsrationalisie- rungsprozesse beobachten wie die Einführung der Selbstbedienung im Einzelhandel (Glaubitz 2001, 181 ff.) oder in der zweiten Jahrhunderthälfte die Automatisierung von Bürovorgängen und die Elektronisierung von Informations- und Kommuni- kationsprozessen. Letztere haben allerdings bis heute weniger stark Arbeitskräfte sparende Ef- fekte gezeitigt als der Einsatz der Elektronik in der Industrie. Die Gegenargumente gegen Fourasties Grundannahme sind in zwei Richtungen weiter zu denken: zum einen in Richtung einer genauen Analyse, in welchen Dienstleistungsbereichen wel- che Formen von Rationalisierung und Technisie- rung greifen; zum anderen in Richtung auf die Wirkungskräfte für weitergehende Tertiarisierung der Erwerbstätigkeit. Das zweite Argument richtet sich gegen die An- ■ ■ nahme, dass der „ungeheure Hunger nach Tertiä- rem“ (Fourastie) als konsumtheoretische Begrün- dung für eine kontinuierliche Expansion von Dienstleistungsbeschäftigung unbegrenzt durch kommerzielle Dienstleistungsangebote befriedigt werden könne. Dem stehe – so vor allem mit un- terschiedlichen Begründungen als implizite Ge- genposition zu Fourastie Baumol (1967) und Gers- huny (1981) – der Preis für Dienstleistungen und die begrenzte Kaufkraft von Konsumenten ent- gegen, die einen uneingeschränkten Massenkon- sum von kommerziellen Dienstleistungen nicht zu- ließen. Baumol verweist auf die Kostenklemme, die entstehen muss, wenn immer weniger hochpro- duktive und hoch bezahlte Industriebeschäftigte immer mehr niedrig produktiven und entsprechend gering bezahlten Dienstleistern gegenüberstehen (wer soll dann die Dienstleistungen bezahlen?). Gershuny sieht eine andere Begrenzung der Dienst- leistungsexpansion darin, dass viele Menschen teure Dienstleistungen beispielsweise im Haushalt durch technische Geräte und Eigenarbeit („Do it yourself“-Bewegung) ersetzen. Mit beiden Argu- menten sind modelltheoretisch Grenzen für die Ex- pansion von Dienstleistungen bezeichnet, bezogen auf die aber offen bleibt, welche tatsächliche Bremswirkung sie entfalten. Bisher haben sie je- denfalls keine Trendumkehr in der Beschäftigungs- strukturentwicklung bewirkt. Die begrenzte reale Stichhaltigkeit der Gegenargumente zu Fourastie lässt sich zum einen damit erklären, dass Baumol in seinen Lohn- und Preisbildungsannahmen die Verteilungsrelationen der industriellen Produktivi- tätsgewinne in Richtung relativen Massenwohl- stands falsch eingeschätzt hat, zum anderen da- mit, dass die Dienstleistungsexpansion nur zum Teil konsumptionstheoretisch erklärt werden kann (s.u.). Auch anders geartete konsumtheoretische Vorstel- lungen wie die sehr frühen von T. Veblen in seiner „Theory of the Leisure Class“ (1953, zuerst 1899) und J. Baudrillards Vorstellungen eines spiralförmi- gen ständigen Zirkels von sozialer Distinktion und Egalisierung (1970) eignen sich nur begrenzt zur Er- klärung der Dienstleistungsdynamik im Zeitverlauf. Die konsumptionstheoretischen Argumente bleiben alle zu sehr in der Perspektive individuellen Kon- sumverhaltens gefangen und vernachlässigen die strukturellen Triebkräfte der Dienstleistungsexpan- sion. Zu diesen gehören die Veränderung von Le- bensstilen und Haushaltsformen, die häufig nicht ins individuelle Belieben gestellt sind. Wenn in einer Familie beide Partner erwerbstätig sind oder auch der Anteil von Singlehaushalten steigt, liegt eine Externalisierung von familialen Funktionen der Ver- sorgung und Betreuung von Kindern und älteren Menschen nahe. Vielleicht noch intensiver wirken die infrastrukturellen Erfordernisse einer immer komplexer vernetzten und immer stärker wissens- basierten Organisation des Wirtschaftens und gesell- schaftlichen Zusammenlebens. Von beiden struktu- rell bedingten Entwicklungen – Veränderung von Haushaltsformen und Lebensstilen und Ausbau der Bildungs-, Informations- und Kommunikations- infrastruktur – lässt sich ein Großteil der Expansion der primären (z.B. der ganze Ausbau des Hotel- und Gaststättengewerbes), insbesondere aber der sekun- dären Dienstleistungen – vor allem der Ausbau der Erziehungs- und Wissenschaftsbereiche – seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erklären.

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