Handbuch 5. Auflage

1880 Wolf  wurde der Sozialrechtsansatz entwickelt und als Alternative zu den damals begierig aufgegriffenen therapeutischen Hilfeansätzen in die Praxis einge- bracht (Bacherle 1979). Gefördert durch die BAG-Nichtsesshaftenhilfe (heute BAG-Wohnungslosenhilfe) und den Ev. Fachverband Nichtsesshaftenhilfe (heute Ev. Ob- dachlosenhilfe) und basierend auf den ersten Er- gebnissen einer Grundlagenstudie (Albrecht et al. 1990) haben dann zunehmend soziologisch ge- prägte Erklärungsmuster Eingang in die Diskus- sion gefunden. In Veröffentlichungen von Albrecht gab es hier auch eine erste Verknüpfung zum Thema Obdachlosigkeit, wo solche Ansätze spätes- tens mit den Diskussionen innerhalb der Studen- tenbewegung Eingang in die Theoriedebatte und die Projektbewegung gefunden hatten. Die Auseinandersetzung zwischen den eher indivi- dualistisch und den eher soziologisch geprägten Richtungen hat sich in der Obdachlosenhilfe wie in der Nichtsesshaftenhilfe theoretisch und prak- tisch über lange Jahre hingezogen mit zum Teil er- bitterten Auseinandersetzungen. Da die Themen der beiden Arbeitsfelder im Bereich von Wissen- schaft und Forschung immer nur ein Randdasein geführt haben – vermutlich auch gefördert durch das geringe Interesse der Politik an diesen Berei- chen (Bauer 1984) –, fand die Auseinandersetzung überwiegend auf der Ebene der Praxis statt. So ist auch zu erklären, dass Untersuchungsergebnisse nur sehr schwer Eingang in diese Praxis fanden, weil immer wieder „interessengeleitete Forschung“ vermutet wurde. Zum Teil etablierten sich neue Hilfeformen (ambulante Beratungsstellen in der Nichtsesshaftenhilfe), die die Kritik am bestehen- den Hilfesystem zunächst „materialisierten“, in der Folge aber selbst oft gegen neue Erkenntnisse „im- mun“ wurden (Roscher 1986; Wolf 1989; Evers / Ruhstrat 1993b; Strunk 1996). Zum gegenwärtigen Stand lässt sich feststellen, dass nach wie vor die beiden eingangs erwähnten Erklärungsansätze zu finden sind. So gibt es etwa Überlegungen zu einer „Pädagogik der Wohnungs- losen“ sowie verschiedene Erklärungsansätze, die das Problem der Unterversorgung nach wie vor über das individuelle Verhalten erklären wollen. Solche Ansätze tauchen öfter im Zusammenhang mit Projekten auf (medizinische Notversorgung, Winternotprogramme, Diskussion um Suppenkü- chen), haben aber nach wie vor einen starken Ein- fluss auf die Praxis, da diese Erklärungsmuster (scheinbar) Lösungsansätze aufzeigen, die eine Konzentration auf das Individuum ermöglichen und damit die schwierige Umfeldarbeit aus dem Blick nehmen lassen. Es ist auch nicht verwunder- lich, dass es hier vielfältige Anknüpfungspunkte gibt, wenn es um die Vernetzung von Hilfesyste- men geht (z. B. Suchthilfe oder Psychiatrie). Demgegenüber hat sich – auch durch die Ver- öffentlichungen des Dt. Vereins (Dt. Verein 1990 und 1992), der BAG-Wohnungslosenhilfe und des Dt. Städtetags – in der politischen Bearbeitung des Problems Wohnungslosigkeit der Erklärungsansatz der Unterversorgung durchgesetzt (BAG-Nicht- sesshaftenhilfe 1989; BAG-W 2001; Bundesminis- ter für Arbeit und Soziales 2008). Damit steht die Frage des Wohnens im Mittelpunkt der Erklä- rungsansätze (Specht-Kittler 1992) und das Pro- blem der Wohnungslosigkeit stellt sich letztlich als Armutsproblem dar (Döring et al. 1990). Mit der Lösung dieses Problems ergeben sich dann auch vielfältige Ansätze, im Rahmen persönlicher Hilfe die individuell sehr unterschiedlich ausgeprägten Probleme der einzelnen wohnungslosen Menschen anzugehen (Swientek 1985). Dabei spielen drei Faktoren eine zentrale Rolle: Gefährdung, Belas- tungsintensität und soziale Unterstützung. „Alle drei Variablengruppen werden von der konkreten historischen Situation am Ort beeinflusst. Sie ist einge- bettet in makroökonomische, makrosoziale und politische Zustände und Entwicklungen. Trotz dieser Determinie- rung – auch durch vorangegangene Entwicklungen – sind die Faktoren noch in der Situation veränderbar.“ (Glück 1985, 232) Forschungsergebnisse Zum Thema Obdachlosigkeit sind nach grund- legenden Studien in den 1970er Jahren (GEWOS 1976; Vaskovics /Weins 1979) eine Vielzahl unter- schiedlichster Forschungen durchgeführt worden. Regelmäßige Datenerhebungen zur Obdachlosig- keit gibt es bisher nur in Nordrhein-Westfalen, wobei der Obdachlosenbegriff erst vor wenigen Jahren an die Begrifflichkeit des Wohnungsnotfalls angepasst wurde. Im Bereich der Nichtsesshaften- hilfe hat es einige Studien zur „Persönlichkeit der Nichtsesshaften“ gegeben, die unter verschiedenen

RkJQdWJsaXNoZXIy NjM0NTA=