Handbuch 5. Auflage
Zivilgesellschaft 1889 „Man interessiert also die Staatsbürger für das All- gemeinwohl, wenn man ihnen die Verwaltung kleiner Geschäfte anvertraut und ihnen zeigt, wie sehr sie ständig aufeinander angewiesen sind, um dieses Wohl zu erreichen“ (245). Diese vom Staat und von der Civil Society unabhängige Political Society versteht Tocqueville als unabhängige Öf- fentlichkeit, in der die Gesellschaft auf sich selbst einwirkt (Thaa 1996, 187). Tocqueville kann da- mit als erster Vertreter der modernen republika- nischen Lesart des Zivilgesellschaftsbegriffs angese- hen werden. Er formuliert bereits Anfang des 19. Jahrhunderts eine Idee politischer Öffentlich- keit – neben Staat und Ökonomie –, die die Ha- bermassche Konzeption und daran anschließende bzw. strukturhomologe vorweg nimmt. Die Kon- zeption von Zivilgesellschaft als Realisierung von „staatsunabhängigen“ und im politik-ökonomi- schen Sinne interessensfreien öffentlichen Foren von aktiven Bürgern ist mit Tocqueville geteiltes politiktheoretisches Wissen. Die Wiedergeburt der Zivilgesellschaftsdebatte am Ende des 20. Jahrhunderts Unterschiedliche neo-tocquevillianische Positionen haben in der jüngeren Zivilgesellschaftsdebatte deutlich an Einfluss gewonnen. Gemeinsam ist diesen Konzeptionen die Hoffnung auf eine Akti- vierung brachliegender oder bisher nicht-aktivier- ter zivilgesellschaftlicher Potenziale. Diese Hoff- nung stellt auch die zentrale Motivation für die zivilgesellschaflichen Debatten innerhalb und au- ßerhalb der Sozialen Arbeit seit dem Ende des 20. Jahrhunderts insgesamt dar. Korrespondierend zu den drei klassischen Theo- rietraditionslinien lassen sich die Programme der zivilgesellschaftlichen Aktivierung innerhalb sozialpädagogischer Diskussionen in drei Positio- nen sortieren: erstens als Strategien der Mobilisie- rung individueller Lebensgestaltungsverantwor- tung – derartige Strategien betonen primär die Notwendigkeit individueller Freiheit und deren Aktivierung gerade auch mit Blick auf deren über- zogene wohlfahrtsstaatliche Beschränkung ( Indivi- dualisierung ). Als Zerrbild realisiert sich diese Po- sition in neo-liberalen Konzeptionen, in denen das Modell eines Nachtwächterstaats propagiert wird, der keinen Wohlfahrtsstaat mehr bereitstellen dürfe, denn „jede Reglementierung durch die poli- tische Macht (reduziere) die Freiheit der Gesell- schaft“ (di Fabio 2005, 81; Hayek 1960 / 1991, 329); zweitens als Strategien einer Demokratisie- rung des bestehenden Systems, beispielsweise in Form der Implementierung von Beteiligungsfor- men innerhalb der Erbringungsorganisationen so- zialpädagogischer Dienstleistungen oder zumindest einer Aktivierung der Gesellschaftsmitglieder hin- sichtlich ihres Beteiligungsgrads an öffentlichen Angelegenheiten, um damit die wachsende Politik- verdrossenheit und die Verselbstständigung des berufspolitischen Subsystems zurückzudrängen ( Demokratisierung ). Ein Zerrbild dieser Position findet sich in neo-assoziationistischen Konzeptio- nen, in denen die Frage sozialrechtlicher Teilhabe- sicherung nicht nur ignoriert wird, sondern durch intersubjektive Vergemeinschaftsnetze ersetzt wer- den soll; und drittens mit Verweis auf institutiona- lisierte Diskriminierungsprozesse innerhalb der bestehenden Unterstützungs-, Kontroll- und Bil- dungsinstanzen als Strategien der Aktivierung rela- tiv unabhängiger zivilgesellschaftlicher Gemein- schaften, das heißt „Beziehungsgeflechte„, die durch aktiv handelnde Subjekte begründet werden sollen ( Vergemeinschaftung ). Zerrbilder dieser Posi- tionen stellen neo-totalitäre Konzeptionen einer Re-Vergemeinschaftung dar, wie sie vor allem die Vertreter eines substanziellen Kommunitarismus fordern: „Wenn Disziplin durch den Einsatz auto- ritärer Mittel erzwungen wird, werden (…) Men- schen sich nur dann anständig benehmen, solange sie genau überwacht werden und eine Bestrafung fürchten müssen. Aber sobald die Autorität ihnen den Rücken kehrt, werden sie sich daneben beneh- men.“ (Etzioni 2001, 85) Diese dreigeteilte ideal- typische Sortierung spiegelt auch innerhalb der sozialpädagogischen Auseinandersetzungen um mögliche und notwendige Aktivierungsstrategien zivilgesellschaftlichen Engagements wieder. Aktuelle Positionsbestimmungen zur Frage der sozialpädagogischen Aktivierung zivilgesellschaftlichen Engagements Mit deutlichem Bezug auf das Modell eines „ak- tivierenden“ oder „ermöglichenden Staates“ beto- nen Konzeptionen, die der erstgenannten Position
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