Handbuch 5. Auflage

1890 Kessl  ( Individualisierung ) zugeordnet werden können, dass sozialpädagogische Interventionsmaßnah- men „nicht mehr auf die Versorgung ‚Bedürftiger‘ beschränk(t) (werden könnten)“ (Olk 2000, 108). Die Relation zwischen „Rechten und Pflichten“ müsse daher neu austariert werden, die Eigenver- antwortung der Nutzer öffentlicher Dienstleis- tungsangebote aktiviert werden. Anders könne der Krise des Sozialstaats nicht mehr angemessen begegnet werden. Eine solche Aktivierung zivil- bzw. bürgerschaftlichen Engagements, die per- sonenbezogene soziale Dienstleistungen, wie die Soziale Arbeit zu erbringen hätten, soll die Sub- stitution bisheriger wohlfahrtsstaatlicher Unter- stützungsleistungen ermöglichen, die angesichts von Massenarbeitslosigkeit und Globalisierung ansonsten nicht mehr zu leisten seien. Wanfried Dettling fordert angesichts dieser veränderten „Landschaft der Solidarität“ (Dettling 2000, 47 ff.) einen neuen Gesellschaftsvertrag, der „Staat, Wirtschaft und Gesellschaft in eine neue Balance bringen (müsste)“ (52). Leitbild dafür müsse die „Idee einer aktiven Bürgergesellschaft“ sein (52): „Perspektiven der Solidarität lassen sich gegenwärtig nur gewinnen als Versuch einer Ant- wort auf die Frage, wie im Zeitalter der Globali- sierung, Digitalisierung und Individualisierung eine gute Gesellschaft (bilden könnten).“ (52) Der von den Protagonisten der ersten Position be- förderte neue Pflichtendiskurs wird auch innerhalb einiger Konzeptionen propagiert, die der zweit- genannten Position ( Demokratisierung ) zugerech- net werden können. Wolf Rainer Wendt plädiert im Sinne einer Re-Demokratisierung bereits seit Anfang der 1990er Jahre dafür, die Rolle des Bür- gers wieder zu stärken, da dieser den „Gang der Dinge“ immer weniger mitbestimmen könne, „ob- wohl er zivile, politische und soziale Rechte in ei- nem Umfang wie nie zuvor besitzt“ (Wendt 1993b, 259). Die damit verbundene Arbeit Sozialer Arbeit sei die Beförderung und produktive Entfaltung von „Gemeinwesenorganisation und Selbstgestal- tung in der Lebensführung von Menschen“ (261). Im Unterschied zu solchen kommunitaristisch-re- publikanisch gefärbten Einschätzungen betonen andere Konzeptionen im Sinne der zweiten Posi- tion stärker die strukturellen Voraussetzungen einer republikanischen Perspektive der Selbstregierung: Im Anschluss an Benjamin Barbers Modell einer Starken Demokratie betont beispielsweise Andreas Schaarschuch, Demokratie solle als „Lebensform“ in den unterschiedlichsten Lebensbereichen insti- tutionalisiert werden (Schaarschuch 1998, 234 ff.; Barber 1994). Für die Felder Sozialer Arbeit folgert er daher, dass die sozialen Dienste „unter der Ein- beziehung ihrer Nutzer als Bürger“ selbst einem Demokratisierungsprozess unterzogen werden müssten (Schaarschuch 1998, 238), wozu keines- wegs eine Reduzierung der Rechtsposition der Nutzer, sondern vielmehr deren Stärkung von- nöten sei. Eine dritte Gruppe von Re-Demokrati- sierungsdenkern formuliert im Sinne der zweiten Position beteiligungsorientierte Ansätze. Denn primäre Aufgabe müsse eine pädagogische Aktivie- rung des „zivilgesellschaftlichen Status“ der Betrof- fenen sein (Stecklina / Stiehler 2006, 99), die damit beginne „das Vertrauen der Kinder- und Jugend- lichen in ihre eigene Kraft (zu fördern) sowie ihnen die Möglichkeit (zu bieten), sich zu lebensprakti- schen Fragen sowie rechtlichen Grundlagen zu bilden“ (103). Das könne nur geschehen, wie die Autoren mit Verweis auf das Feld der Hilfen zur Erziehung argumentieren, wenn nicht mehr alleine die Passgenauigkeit der Maßnahmen in Bezug auf den jeweiligen Einzelfall im Mittelpunkt stehe, „sondern die Wahrnehmung, Stärkung und Wah- rung der Beteiligungsrechte und -möglichkeiten von Mädchen und Jugend“ (100). In teilweiser Korrespondenz dazu setzen Konzep- tionen im Sinne der dritten Position ( Politisierung ) auf die Aktivierung von Vergemeinschaftsungs- potenzialen. Christoph Butterwegge (2005, 31). stellt Sozialer Arbeit in diesem Zusammenhang die rhetorische Frage: „Soll es eine brutale Konkurrenzgesellschaft sein, die Leistungsdruck und Arbeitshetze weiter erhöht, Erwerbs- lose, Alte und Behinderte ausgrenzt sowie Egoismus, Durchsetzungsfähigkeit und Rücksichtslosigkeit eher ho- noriert, sich aber über den Verfall von Sitte, Anstand und Moral wundert, oder eine zivile / soziale Bürgergesell- schaft, die Kooperation statt Konkurrenzverhalten, Mit- menschlichkeit und Toleranz statt Gleichgültigkeit und Elitebewusstsein fördert?“ Timm Kunstreichs Einschätzung kann als eine mögliche Antwort auf Butterwegges Frage gelesen werden, wenn er für eine Aktivierung „transver- saler Sozialitäten“ plädiert: „Entgegen den Tenden- zen neoliberal verfasster, moderner Sozialarbeit, die

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