Handbuch 5. Auflage

190 Baethge  Erwerbstätigenstruktur und Arbeitsmarkt im Dienstleistungssektor Schaut man sich die langfristige Entwicklung der Erwerbstätigkeit nach Wirtschaftssektoren an, so scheint sie wie eine eindrucksvolle Bestätigung der fourastieschen Voraussagen von 1949. Dies gilt selbst für Deutschland, das mit seiner relativ späten Industrialisierung, deren eigentliche take off Phase in den letzten Dekaden des 19. Jahrhunderts lag, einen spezifischen ökonomischen Entwicklungs- pfad einschlug. Dieser wird in der einschlägigen wirtschaftshistorischen und soziologischen Litera- tur als jener Typus einer „diversifizierten Qualitäts- produktion“ (Streeck) beschrieben, der sich durch die Qualität der industriellen Produkte (nicht durch den Preis) im internationalen Wettbewerb durchsetzte, eine starke Exportorientierung auf- baute und bis heute mit großem Erfolg („Export- weltmeister“) durchhalten konnte (Abelshauser 2004; Streeck 1997). Die Erfolgsgeschichte dieses spezifischen Industrialisierungspfades ließ die Dienstleistungsentwicklung in Deutschland später und langsamer voranschreiten als in anderen west- lichen Gesellschaften und führte auch dazu, dass Deutschland in Politik und öffentlicher Meinung bis heute als Industrienation par excellence ver- standen wird, was eine anhaltende Nachrangigkeit der Dienstleistungen im öffentlichen Bewusstsein begründet hat. Selbst aber als Nachzügler der Tertiarisierung hat sich Deutschland dem ubiquitären Trend zu Dienstleistungen als dominierenden Wirtschafts- sektor nicht entziehen können. Wegen des spezi- fischen Industrialisierungspfades, der bis heute eine hohe politische und normative Orientierung für die Gestaltung von Beschäftigungsverhältnissen und die Organisation von Arbeit ausstrahlt, bildet die im Folgenden dargestellte Entwicklung der Er- werbstätigenstruktur auch keineswegs die stärkste Dynamik des sektoralen Wandels der angloame- rikanischen und europäischen Gesellschaften ab. Bis 1880, dem Zeitpunkt des eigentlichen Beginns der Industrialisierung in Deutschland, war die Er- werbsstruktur noch eindeutig von der Landwirt- schaft bestimmt, in der die Hälfte der Erwerbstäti- gen beschäftigt war (vgl. Abb. 1). Erst um die Wende zum 20. Jahrhundert schneiden sich die Er- 0 10 20 30 40 50 60 70 80 1870 1913 1950 1960 1970 1980 1991* 1996 2001 2006 Primärer Sektor Sekundärer Sektor (inkl. Baugewerbe) Tertiärer Sektor in % Abb. 1:  Erwerbstätige nach Wirtschaftsbereichen 1870 bis 2006 in Deutschland (Anteile an Erwerbstätigen insgesamt in Prozent) (Destatis/gesis-zuma/WZB 2008; für Daten vor 1950 Maddison 1995) * Bis 1991 früheres Bundesgebiet, ab 1991 Deutschland.

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