Handbuch 5. Auflage

Beschäftigung und Arbeit in der nachindustriellen Gesellschaft 191 werbstätigenkurven, und gewinnt die industrielle Produktion das Übergewicht. In der Zeit bis zum ersten Weltkrieg bleibt der Anteil der Dienstleis- tungsbeschäftigung deutlich hinter den beiden an- deren Sektoren zurück und verharrt zwischen einem Fünftel und einem Viertel. Aber bereits seit der Wende zum 20. Jahrhundert lässt sich bis in die 1960er Jahre ein paralleler Anstieg von sekundärem und tertiärem Beschäftigungssektor beobachten, und zwar sowohl relativ als auch absolut. Diese Parallelität verweist darauf, dass die Expansion der Industrie eine Ausweitung auch der Dienstleis- tungsbeschäftigung und eine Erhöhung der Er- werbstätigkeit insgesamt durch Einbezug von vor- her nicht erwerbstätigen Bevölkerungsteilen (z. B. Frauen) nach sich zog (Baethge 1999). Nach dem Zweiten Weltkrieg kommt eine starke Beschleunigung in den Wandel der sektoralen Er- werbstätigkeitsstruktur. Bereits in den 1950er Jah- ren, in der Wiederaufbauphase, verliert der primäre Sektor fast die Hälfte seines Erwerbstätigenbestands, um dann kontinuierlich weiter bis auf 2,4% um die Jahrtausendwende abzunehmen. Der industrielle Sektor erfährt bis Mitte der 1960er Jahre noch einen leichten Anstieg auf annähernd 48%, geht ab da aber rapide zurück und verliert bis 2006 fast 50% seines Anteils an den Erwerbstätigen (noch 25,5%). Die rasanteste Entwicklung nimmt die Erwerbs- tätigkeit im Dienstleistungssektor. Von 1950 (33% Anteil) bis 2006 erhöht der Sektor seinen Erwerbs- tätigenanteil kontinuierlich und fast geradlinig auf 72%, also knapp drei Viertel aller Erwerbstätigen, wobei sich dieWachstumskurve ab Mitte der 1990er Jahre etwas abschwächt. Gegenüber der Industrie gewinnt der Sektor seit An- fang der 1970er ein Übergewicht, das nach der Jahr- tausendwende sich in fast dem dreifachen Anteil an der Erwerbstätigkeitsstruktur ausdrückt. Man muss beachten, dass hier einer sektoralen Zuordnung der Erwerbstätigen gefolgt wird, d.h. die Erwerbstätigen, die in Landwirtschaft und Industrie Dienstleistungs- tätigkeiten wahrnehmen, sind dem primären und sekundären Sektor zugerechnet (Haisken-DeNew et al. 1997). Würde man sie (als z.B. Warenkaufleute der Landwirtschaft, Industriekaufleute, Konstruk­ tionsingenieure u.a.) statistisch zum Dienstleistungs- sektor zählen, so dürfte der Erwerbstätigenanteil der Dienstleistungsbereiche bei gut 80% liegen. Ob sich die Entwicklung zur Tertiarisierung der Beschäftigung in jener sich ab Mitte der 1990er Jahre andeutenden abgeschwächten Form (vgl. Abb. 1) fortsetzen wird, lässt sich am ehesten be- antworten, wenn man die bisher verfolgte intersek- torale durch eine intrasektorale Betrachtung des Dienstleistungssektors ergänzt. Hierzu wird eine aktuelle Zukunftsprojektion herangezogen (vgl. Abb. 2), mit der zum einen die große Heterogeni- tät des Aggregats Dienstleistungssektor verdeutlicht und zum anderen die Dynamik der einzelnen Dienstleistungsfelder in der Zukunft sichtbar ge- macht werden können. Die intrasektorale Betrachtung der funktionalen Tätigkeitsbereiche liefert endgültig den empiri- schen Beleg dafür, das Fourasties „ungeheurer Hunger nach Tertiärem“ weniger in der Verschie- bung der menschlichen Bedürfnisstruktur von materiellen Gütern auf immaterielle Dienste als vielmehr auch Resultat der strukturellen Entwick- lung der industriellen Produktion ist. Mit ihrem Größenwachstum schuf sie zunehmend Funktio- nen in der Warendistribution und differenzierte die Arbeitsteilung sowohl unternehmensintern als auch mit Externalisierungen zwischen den unmittel- baren Herstellungsbereichen und kaufmännisch- verwaltenden und produktionsvorbereitenden Funktionen von Forschung und Entwicklung. Die Differenzierung in „primäre“ und „sekundäre“ Dienstleistungsbereiche in Abb. 2 trägt den unter- schiedlichen Quellen der Dienstleistungsexpansion Rechnung: Der große Block der primären Dienst- leistungen (2005 47,9% an den Erwerbstätigen ins- gesamt) umfasst vor allem direkt oder indirekt auf die industrielle Produktion bezogene Berufstätig- keiten: Berufe imWarenhandel und Vertrieb (11% Anteil 2005); Verkehrs-, Lager-, Transportarbeiten (9,2%); Büro- und kaufmännische Dienstleis- tungsberufe (17,4%). Die sekundären Dienstleistungsberufe umfassen mit den technisch-naturwissenschaftlichen Berufen (2005 8,4%), den Gesundheits- und Sozialberufen (11,2%), den Lehrberufen (3,7%), den künstler­ ischen, Medien-, Geistes- und Sozialwissenschaftli- chen Berufen (3%) sowie den Rechts-, Manage- ment- und Wirtschaftswissenschaftlichen Berufen (4,6%) jene Berufsfelder, die zur Aufrechterhal- tung der politischen und sozialen Infrastruktur moderner Wohlfahrtsstaaten unerlässlich und zum großen Teil staatlich organisiert sind. Bereits 2005 stellen die sekundären Dienstleistungen fast ein Drittel aller Erwerbstätigen. Sie sind in der

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