Handbuch 5. Auflage

Beschäftigung und Arbeit in der nachindustriellen Gesellschaft 197 Eine stark vom hierarchisch organisierten Groß- ■ ■ und Mittelunternehmen geprägte Betriebs- und Arbeitsorganisation, mit klaren Kompetenzabgren- zungen zwischen Funktionsbereichen, Abteilungen und Beschäftigtengruppen; ein Produktionskonzept der Standardisierung von ■ ■ Produkten und Prozessen (vgl. Cohen 2001) mit entsprechenden Anforderungen an Disziplin und Ordnung, um die economies of scale nutzen zu können (deutlichster Ausdruck dieses Konzepts: tayloristische Arbeitsorganisation); ein bestimmtes, sehr striktes Arbeitszeit-Regime ■ ■ mit betrieblich gebundenem 8-Stunden-Tag bzw. 40-Stunden-Woche, das als Normalarbeitsverhält- nis zur beschäftigungsstrukturellen und gesell- schaftlichen Norm geworden ist; ein an das (Normal )Arbeitsverhältnis gebundenes ■ ■ Sozialversicherungssystem, das die Höhe der Al- tersversorgung an die geleistete Arbeitszeit bindet und Vollzeitarbeit begünstigt; eine spezifische, am Facharbeiterprofil ausgerich- ■ ■ tete Berufsausbildung, die wesentlich durch ihre unmittelbare Einbindung in betriebliche Arbeits- prozesse bestimmt ist, und eine frühe Sozialisation in das Arbeits-, Organisations- und Normengefüge industrieller Produktion bewirkt; ein auf Beruflichkeit und interne Arbeitsmärkte ■ ■ ausgerichtetes Modell der sozialen Mobilität, das eher Sicherheit und Betriebstreue als Risikobereit- schaft und Mobilitätsaspirationen prämiert. Mit der idealtypischen Skizze der industriegesell- schaftlichen Ordnung der Arbeit verbindet sich nicht die Behauptung, dass die Arbeitsrealität in den Produktionsbetrieben ihr immer genau ent- sprochen hätte und heute noch in allen Betriebs- typen entspräche. Institutionelle Ordnungen stel- len Orientierungsrahmen für organisationales Handeln in den Unternehmen dar, deren Befol- gung nach den stofflichen Bedingungen der Ar- beitsprozesse (ob man Autos oder Kleider herstellt) und den jeweiligen Marktkonstellationen (z. B. Massenkonsum oder an individuellen Bedürfnissen ausgerichtete Märkte) variieren kann. Diese Ord- nung der Arbeit, die ihre Blütezeit in Deutschland in der langen Phase fordistischer Produktion von Beginn bis ins letzte Drittel des 20. Jahrhunderts gehabt hat, bröckelt selbst innerhalb der Industrie in den Bereichen, die im Zuge eines Wandels von Hersteller- zu Verbrauchermärkten sich zunehmend um eine Individualisierung der Güterproduktion bemühen (Schumann 2004; Reichwald et al. 2000). Man kann in diesem Zusammenhag von einer doppelten „Tertiarisierung“ industrieller Produk- tion sprechen: zum einen durch eine verstärkte Kundenorientierung im Zuge von mass customiza- tion-Konzepten und open innovation (Reich- wald / Piller 2006), zum anderen durch Ausbau der indirekten Bereiche in der Industrie als „interne Tertiarisierung“, zu der auch die traditionellen Organisationsmuster der Industriearbeit immer weniger passen (Baethge 2001). Man kann im Rahmen eines Artikels nicht die Vielfalt von Dienstleistungstätigkeiten daraufhin durchbuchstabieren, wie sehr und in welchen Di- mensionen eine industrialistische Arbeitsorganisa- tion für sie dysfunktional wirken könnte. An zwei zentralen Aspekten der industriellen Arbeitsord- nung, der Betriebsorganisation und dem Zeitregime , lassen sich die Probleme ihrer Übertragung auf Dienstleistungsarbeit verdeutlichen. Eine ■ ■ großbetriebliche Organisation stößt schnell an die Grenzen der Funktionsbedingungen von Dienstleistungen. Eine Tendenz zu Großbetrieben beschränkte sich deswegen auch lange Zeit auf die Zentralverwaltungen von Dienstleistungsunterneh- men (z.B. Banken, Versicherungen, Einzelhandel, Industrieverwaltungen). Sie hat seit den 1960er Jahren auch Einzug im Gesundheitswesen gefun- den, bildet aber bis heute nicht den Prototyp betrieblicher Organisation in den Dienstleis­ tungsfeldern insgesamt. Entsprechend dem uno-actu-Prinzip von Erstellung und Konsum von Dienstleistungen ist der Großteil von Dienstleistun- gen, vor allem die personenbezogenen, lokal ge- bunden. Dieser Sachverhalt setzt dem Größen- wachstum von Dienstleistungsbetrieben eine Grenze: Einzelhandelsgeschäfte, Hotels und Gast- stätten oder Banken und Sparkassen, auch Kran- kenhäuser, Pflegeeinrichtungen, Schulen und Kin- dergärten sind typischerweise in Klein , allenfalls Mittelbetrieben organisiert. Sowohl auf der Ebene des Produkts als auch der Organisation entstehen dadurch „quasi-natürliche“ Begrenzungen für die industrialistische Ordnung: auf der Produktions- ebene in Richtung Standardisierung und Skalen- erträge, auf der Ebene der Arbeitsorganisation in Richtung Hierarchisierung und Tiefe der Arbeitstei-

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