Handbuch 5. Auflage

208 H. Thiersch  der Konzepte eines gelingenden Lebens, wie sie Kulturen und gesellschaftliche Selbstverständnisse bestimmen. Parallelen zwischen den pädagogischen Entwürfen und den zunehmend breiter diskutier- ten Konzepten zur Lebenskunst in der praktischen Philosophie sind offensichtlich (Kerstin / Langbehn 2007). Bildung ist Vermittlung von Subjekt und Welt, Natorp (1899) versteht sie als Frage nach den bil- denden Bedingungen im Menschen und den bil- denden Voraussetzungen in der Gesellschaft. Dem- entsprechend muss der Komplex von Bildung als Prozess, als Bildungsgeschichte und als Projekt Bildung unterschieden werden von Bildung als Be- griff für die Gestalt von Welt, in der Bildung sich realisiert, und die man als Bildungsszene bezeich- nen könnte. In dieser Bildungsszene lassen sich verschiedene Zugänge für Bildungsprozesse unterscheiden; das Insgesamt dieser Zugänge entspricht dem umfäng- lichen, ganzheitlichen Anspruch von lebenslangen Bildungsprozessen und des Projekts Bildung. Die derzeitige Diskussion unterscheidet informelle, non-formalisierte und formale Bildungszugänge. Informelle Bildung meint Bildung, die sich in den unterschiedlichsten Lebensvollzügen des Alltags ergibt, oft ungeplant neben den anderen dort zu bewältigenden Aufgaben. Davon zu unterscheiden ist der Komplex der um der Bildung Willen arran- gierten, pädagogisch inszenierten Bildungs- und Lernräume in unterschiedlichen Institutionen. Sie werden wiederum unterschieden in Arrangements der formalen und non-formalisierten Bildungs- zugänge, wobei formale Bildung die curricular or- ganisierte, schulische Bildung meint, während der non-formalisierte Bildungszugang andere, offenere Bildungsarrangements, z. B. in der Erwachsenen- bildung, der kulturellen Bildung und der Sozialen Arbeit, bezeichnet. Diese unterschiedlichen Bildungszugänge bieten in ihrem partialen Zuschnitt jeweils spezifische Mög- lichkeiten, Bildungsprozesse zu unterstützen und Bildungsziele zu befördern (Bundesjugendkurato- rium 2002; Otto / Rauschenbach 2008). In diesen Möglichkeiten und in deren Zusammenspiel in der Bildungsszene bieten sie Voraussetzungen und Chancen für den normativen Anspruch des Pro- jekts Bildung, ohne dass er damit bereits eingelöst wäre. Bildung, so verstanden, ist eine konkrete Utopie, von der wir – mit Bloch geredet – nichts haben als die „arbeitende Intention darauf hin“ (1977, 27). Im Folgenden soll Bildung als Projekt Bildung auf die Bildungsszene und ihre partikularen Bildungs- zugänge bezogen werden, um so die spezifischen Aufgaben, Möglichkeiten, aber vor allem auch Konflikte, Widersprüche und Spannungen trans- parent zu machen. Dieser Ansatz steht – zum ei- nen – gegen ein radikal kritisches Verständnis von Bildung als Lebensentwurf, der in gegebenen ent- fremdeten gesellschaftlichen Verhältnissen keine Chance zur Realisierung hat; er nimmt solche radi- kale Position aber als notwendiges kritisches Mo- vens, das Entwicklungen in der Bildungsszene vo- ran treibt. Dieser Ansatz geht – zumzweiten – davon aus, dass bloße Rekonstruktionen der Bildungs- szene und ihrer unterschiedlichen Bildungszugänge ohne normativ-kritische Perspektive unzulänglich sind; sie sind als Ausdruck pädagogischer Tat- bestandsgesinnung gegenüber normativen Über- frachtungen selbstverständliches Moment der Dis- kussion. Bildung als pädagogisch-gesellschaftliches Projekt der Moderne Das für die gegenwärtige Diskussion bestimmende Projekt Bildung hat sein Profil in der europäischen Neuzeit gefunden; die gegenwärtigen Probleme können deshalb in der Erinnerung an das klassische Projekt Bildung verdeutlicht werden. In der Neu- zeit erfahren die Menschen sich herausgefordert, mit den Möglichkeiten der Vernunft und der Pla- nung ihre Welt und also auch ihr eigenes Leben zu gestalten; das Projekt Bildung wird zentrales Mo- ment in der Lebens- und Gesellschaftsgestaltung. „Gehe in die Welt“, so etwa könnte der Schöpfer den Menschen anreden, „ich habe dich ausgerüstet mit allen Anlagen zum Guten. Dir kommt es zu, sie zu entwickeln, und so hängt Dein eigenes Glück und Unglück von dir selbst ab.“ – so zitiert Kant (1964, 702) den Renaissance-Philosophen Ficino. Im Rückbezug auch auf das klassische Konzept der Paidaia, der religiös-mystischen Vorstellungen des Spätmittelalters, aber auch des Bildungskonzepts der Renaissance gewinnt das klassische Projekt Bildung in der Zeit der radikalen Aufklärung und der humanistischen Intentionen der Klassik in den

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