Handbuch 5. Auflage
Bildung 209 Konzepten von Pestalozzi, Humboldt und Schlei- ermacher sein besonderes Profil, im Zeichen also von Freiheit, Gleichheit und Solidarität und der Entfaltung des menschlichen Lebens im Reichtum seiner kulturellen Möglichkeiten. Bildung hat ihren Sinn in sich selbst; dass Men- schen ihr Leben in Freiheit gestalten, ist der höchste Zweck ihres Daseins. Menschen stehen nicht pri- mär im Dienst von gesellschaftlichen Aufgaben, sie sind frei, um ihr Leben jenseits der „selbstverschul- deten Unmündigkeit“ (Kant 1964) zu bestimmen. Bildung zielt auf den Menschen „als Werk seiner selbst“ (Pestalozzi 1946), also auf die Fähigkeit zu Kritik und Widerstand gegen die bloße Nützlich- keit oder Vermarktung des Menschen. Bildung soll es dem Menschen ermöglichen, in den Aufgaben und Anforderungen der Gesellschaft als Subjekt seines Lebens zu leben, so soll – mit Schleierma- cher (1957, 31) geredet – „die Jugend tüchtig werde einzutreten in das, was sie vorfindet, aber auch tüchtig, in die sich darbietenden Verbesserun- gen mit Kraft einzugehen.“ – Bildung zielt auf In- dividualität. Menschen sind nicht primär Mitglie- der einer Gruppe, eines Standes, einer Klasse oder eines Milieus, sie sind in ihrer Individualität ein- malig und unverwechselbar. – Bildung zur Indivi- dualität aber zielt nicht auf Beliebigkeit, sie ist ori- entiert an moralischen Prinzipien und darin verwiesen auf geschichtliche Erinnerungen und Er- fahrungen. – Bildung zielt auf die Ausbildung aller im Menschen angelegten Möglichkeiten, also auf eine ganzheitliche und harmonische Ausbildung der kognitiven, sozialen, praktischen und ästheti- schen Kompetenzen. – Bildung ist Selbsttätigkeit, sie entfaltet sich in der Auseinandersetzung mit Welt, und ist dabei verwiesen auf die anderen, sie realisiert sich im Interesse aneinander, in gegensei- tiger Anerkennung, im „Wohlwollen“ (Pestalozzi 1946). – Bildung entfaltet sich in der Aneignung eines Bildes von Wirklichkeit, also eines Bildes der Natur, der sozialen und politischen Regeln und der Kultur in ihren sprachlichen, logisch-mathemati- schen, expressiven und symbolischen Ausdrucks- formen. Dieses Bild ist für die Klassik in sich stim- mig und an denMaximen desWahren und Schönen orientiert. Im Wechselspiel der freien und harmo- nischen Lebensgestaltung mit der reichen geglie- derten Welt wird die Welt dem Menschen zu „sei- ner“ Welt und findet der Mensch in ihr seinen Ort und seine Lebensgestalt. Der Bildungsanspruch gilt für alle Menschen, er steht damit gegen die gesellschaftlichen Macht- und Ungleichheitsstrukturen und die darin gege- benen Einschränkungen und Verkürzungen der Bildungsprozesse; Bildung zielt auf Gerechtigkeit im Horizont von Gleichheit; als allgemeine Bil- dung ist sie elementares Menschenrecht. Dieses Bild von Bildung hat zwar im Lauf der Ge- schichte die Anstrengungen in der Gestaltung von Bildungsgeschichten und in der Bildungsszene ge- gen die gesellschaftlichen Verhältnisse bestimmt, es ist aber darin auch vielfältig verkürzt, entstellt und missbraucht worden (Bollenbeck 1996). In seinen Grundmomenten aber kann es gerade im Rück- griff auf die Herausforderungen seiner idealischen Ausprägung zentrale Momente eines gegenwärti- gen Bildungskonzepts markieren; sie müssen aller- dings für die gewandelten Verhältnisse in der zwei- ten, reflexiven Moderne neu bestimmt werden (Klafki 1985; Sünker 2003; Tenorth 1997; Mittel- straß 2002). Drei Aspekte sind gegenwärtig für das Projekt Bil- dung vor allem relevant: das ungeheure Wachstum der rational-technischen und wissenschaftlichen Gestaltungsmöglichkeiten und Wissensbestände, die Pluralisierung und Unübersichtlichkeit ge- wachsener Wissens- und Lebensordnungen im Zeichen von Entgrenzung und die damit einher- gehenden neuen Verteilungen von Lebenschancen, von „Winnern“ und „Losern“ im Zeichen des Pri- mats der Ökonomie. In diesen Offenheiten und Widersprüchen kann das reformulierte Projekt Bildung nur als offener Entwurf verstanden werden, so wie es für norma- tive Konzepte generell gilt. Es kann nicht verding- licht werden, es markiert Orientierungen in Pro- zessen immer neuer gesellschaftlicher, politischer und individueller Verhandlung. Das klassische Bildungskonzept zielte auf Selbstbildung in harmo- nisch ausgebildeten Kompetenzen und einem ent- sprechend gegliederten Bild der Welt. Diese In- tentionen zerbrechen in den Entgrenzungen der zweiten Moderne. Die Intention von Bildung aber bleibt gültig, dass Menschen über verlässliche Kompetenzen für ihren Lebensentwurf verfügen und Welt sich so aneignen können, dass sie sie als ihre eigene erfahren, dass sie sich in ihr orientieren können. – Die Komplexität des Wissens um Struk- turen und die Fülle verfügbaren Wissens verlangen anspruchsvolle Kompetenzen vor allem im Bereich
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