Handbuch 5. Auflage

210 H. Thiersch  der Sprache(n) bzw. der Literalität und eines abs- trakten und generalisierenden Denkens, ebenso wie die Fähigkeit, sich in dieser Fülle und Kom- plexität zu orientieren. Freiheit in der Wahl des ei- genen Lebensentwurfs und Selbstbildung gewin- nen neue Bedeutung. Bildung wird Lebensentwurf in die Unübersichtlichkeit hinein, wird Abenteuer und riskant. Sie vollzieht sich im Medium dessen, was neuerdings als Biografizität oder Identitäts- arbeit (Kraul /Marotzki 2002; Keupp 2002) – als Gestaltung des eigenen Lebens im Horizont weiter Optionen – gesehen wird. Solche Bildung verlangt die Fähigkeit, Offenheit auszuhalten, mit Noch- Nicht-Wissen und Nicht-Wissen umzugehen. Es verlangt ebenso die Fähigkeit, soziale und kultu- relle Differenzen wahrzunehmen und zu nutzen (Treptow 2009), wie auch, Fremdheit und Anders- heit zu akzeptieren und zu respektieren. Dies wird vor allem auch im Horizont der multiethnischen und sich globalisierenden Gesellschaft zentral (Prengel 1993). Bildung zielt auf Souveränität, die sich im Offenen des eigenen Lebensentwurfs sicher sein kann, sie vollzieht sich in der Spannung von Offenheit, Begrenzungen und der Anstrengung um Kohäsion. Diese Spannung konzentriert Ener- gien und Fantasien auf Kompetenzen der Selbst- bildung; Bildung in sozialen Bezügen als soziale Verantwortung muss daneben und dagegen be- sonders akzentuiert werden. Bildung ist nur mög- lich im Medium selbstkritischer und sozialer Re- flexivität. Das klassische Bildungskonzept war charakterisiert durch den Anspruch auf Bildung als Menschen- recht. Es muss konkretisiert werden in Bezug auf die alten und neuen Strukturen von Ungerechtig- keit und die damit eingeschränkten Ressourcen für Bildungsprozesse, in den neuen Zonen von Belas- tung und Exklusion. Bildung als Menschenrecht realisiert sich im Kampf gegen Bildungs- armut. – Darin stellt sich das Projekt Bildung in die Tradition und Stoßkraft der Emanzipations- bewegungen der Moderne, also der Emanzipation der Geschlechter, der Klassen und Schichten, der Altersgruppen und Gruppen mit unterschiedli- chem ethnischem Hintergrund, der Behinderten und der in ihrer Andersheit und Beeinträchtigung Stigmatisierten. Bildung als Menschenrecht konkretisiert sich schließlich im Anspruch von Demokratie, in der mündige Bürger ihr Leben als gemeinsame Auf- gaben im Horizont von Gleichheit gestalten. De- mokratie kann als die einzige der möglichen Staats- und Gesellschaftsformen angesehen werden, die auf Bildung ebenso verwiesen ist wie sie Bildung als unbedingten Gestaltungsanspruch der Gesell- schaft vorantreibt. Bildung ist nur möglich in Be- zug auf politische Bildung, als Bildung, die zur in- formierten Partizipation führt. Demokratie setzt also Bildung voraus und ist in ihrem Bestand und ihrer Entwicklung auf Bildung als Menschenrecht verwiesen. Die Bildungsszene Im Horizont dieses für die zweite Moderne refor- mulierten Projekts Bildung soll die Bildungsszene in ihren partiellen Bildungszugängen der informel- len, der non-formalisierten und der formalen Bil- dung in ihren spezifischen Leistungen – also den in ihrer Struktur angelegten spezifischen Möglichkei- ten und Eingrenzungen – dargestellt werden. Dazu könnte man die Bildungsbereiche, dem Ansatz des lebenslangen Lernens folgend, im Durchgang durch die Lebensalter skizzieren, also das Nach- einander von der frühen familialen Bildung bis zur Alten-Bildung verfolgen (BMFSFJ 2005; Rau- schenbach 2009; Böhnisch 2008). Ich skizziere im Folgenden die Bildungszugänge in ihren strukturel- len Unterschiedlichkeiten nur im Nebeneinander. Informelle Bildung im Alltag Informelle Bildung ist die Bildung, die allen In- szenierungen der formalisierten und non-formali- sierten Bildung vorgelagert ist. Diese agieren im- mer unter der Voraussetzung der informellen Bildung, die sich nebenher und oft ungeplant er- gibt in den unterschiedlichen Lebensfeldern der Familie, der Freundschaften und Peer-Groups, der Öffentlichkeit, aber ebenso im Umgang mit kultu- rellen Symbolisierungen, z. B. in den Medien. Un- geachtet der unterschiedlichen Konstellationen in diesen Lebensfeldern sollen hier nur einige Grund- muster von Lebenswelt und Alltag als Bildung im Alltag skizziert werden (Thiersch 2006; Thiersch 2009; Rauschenbach 2009). Alltag meint die zunächst gegebene Selbstverständ- lichkeit, in der Menschen sich im Raum ihrer un-

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