Handbuch 5. Auflage

Bildung 211 mittelbaren Erfahrung finden, in dessen Mustern von Raum, Zeit und Beziehungen sie sich orientie- ren, mit denen sie sich auseinandersetzen. Die Welt der Alltäglichkeit ist die Welt des Besorgens; Grundbedürfnisse müssen befriedigt werden, viel- fältige praktische Aufgaben müssen bewältigt wer- den, Beziehungen in den Konstellationen von Ge- nerationalität, Geschlecht und unterschiedlichen Rollen müssen gestaltet und die Spannungen von Über- und Unterordnung, von Vertrauen und Dis- tanz, von allgemeinen und eigenen Interessen müs- sen geklärt werden. Das Bewältigungshandeln im Alltag ist pragmatisch bestimmt; die Aufgaben müssen so, wie sie sich ergeben, im Hier und Jetzt erledigt werden. Es zählt, dass man mit den Lö- sungskonzepten zu Rande kommt, systematisch ausgreifendere Fragen nach Begründung und Hin- tergründen sind irrelevant. Die Erfahrung, dass man Erfolg hat, ist prägend. Bewältigung entlastet und sichert sich durch Routinen. In diesem Bewäl- tigungshandeln steht der Mensch in der Spannung von Erfolg und Überforderung, von Kränkung, von Ansprüchen und Hoffnungen auch auf bessere Möglichkeiten; hier findet der Mensch vor sich und anderen Anerkennung, hier weiß er sich un- mittelbar gefragt und herausgefordert; hier hat er seinen Stolz, hier bilden sich für das ganze Leben prägende Muster des Selbstkonzepts, des Selbst- zutrauens, des Weltinteresses und Weltzutrauens, der Perspektiven. Die alltäglichen Erfahrungen sind durch die gegebe- nen Gesellschaftsstrukturen bestimmt. Zum einen bewirken gegebene gesellschaftliche Ungleichheiten der Klassen- und Schichtstruktur unzulängliche Ressourcen in Zonen der Benachteiligung, der Ar- mut und Randständigkeit und führen zu Überfor- derung, Verelendung und Perspektivlosigkeit in den alltäglichen Handlungs- und Bildungserfahrungen (BMFSFJ 2005; Merten 2008; Scherr 2008). Zum anderen verunsichern zunehmend anspruchsvolle Wissensmuster und Informationsbestände und die Unübersichtlichkeit und Entgrenzung heutiger Ge- sellschafts- und Lebensstrukturen die alltäglichen Selbstverständlichkeiten: die Räume der Erfahrung öffnen sich und die unhinterfragte Sicherheit von Routinen und die unreflektierte Pragmatik erweisen sich als unzulängliche Bewältigungsstrategien; die Anforderungen der Wissensgesellschaft verlangen darüber hinaus ein strukturelles Lernen, das die Möglichkeiten informellen Lernens überschreitet. Es braucht in den alltäglichen Bewältigungsauf- gaben immer neue Anstrengungen um Vermittlung zwischen Verlässlichkeit und Offenheit, zwischen Verbindlichkeit und Verhandlungen. Alltagsbewälti- gung erweist sich als aufwändiges Geschäft: die Zu- mutung, damit zu Rande zu kommen, stärkt zwar das Selbstbewusstsein, bedingt aber auch Über- anstrengung und Stress. Die Bedeutung von Alltagserfahrungen in ihrer Dringlichkeit, Direktheit und Vitalität wächst. Die Kompetenzen der Strukturierung von Raum, Zeit und Beziehungen im Medium der Pragmatik und in der Vermittlung von Verbindlichkeit und Of- fenheit sind elementare Bestandteile von Selbstbil- dung im Horizont des Projekts Bildung in der re- flexiven Moderne. Alltag und Alltagsbildung werden in neuer Weise wichtig; die Überforderun- gen und Unzulänglichkeiten in der Lebensgestal- tung und im informellen Lernen des Alltags ver- langenaberauchneueFormenderUnterstützungen, damit der Alltag die in ihm angelegten Potenziale nutzen kann. Hier ergeben sich zunächst Aufgaben der Politik, Bedingungen zu schaffen, die ein gelingenderes Alltagsleben und darin Möglichkeiten der Alltags- bildung schaffen. Neben den Maßnahmen der Fa- milienpolitik und der sie stützenden Geschlechter-, Arbeitsmarkt- und Wohnungspolitik verweisen die Probleme von Alltagserfahrungen und Alltagsbil- dung auf die Notwendigkeit der Unterstützung und Ergänzung durch die inszenierten Bildungs- angebote der formalen und der non-formalisierten Bildung. Formale und non-formalisierte Bildung Der Ausbau des Bildungswesens in den formalen und non-formalisierten Bildungszugängen ist das Charakteristikum der Moderne. Schule expandiert, differenziert sich in vielfältigen Institutionalisie- rungen und wird in der Realisierung der allgemei- nen Schulpflicht zum verbindlichen Angebot in staatlicher Zuständigkeit. Neben der Schule ent- stehen, zeitlich verschoben, Institutionen der non- formalisierten Bildung, der Erwachsenenbildung, der Kulturpädagogik, der Kindertagesbetreuung und der Sozialen Arbeit. Dieser weithin in freier Trägerschaft organisierte Bereich wächst zu einem zweiten Bereich von Bildung. Im Ausbau dieser

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